Romano Guardini Online Konkordanz
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ansehen, wo es um das geht, was von Gott herkommt, aus dem Übernatürlichen! Es ist schon so; man muß glauben, um über Dinge des Glaubens urteilen zu können. Das scheint paradox; aber es ist einfachste Wahrheit. So gut wie die, daß man Farben sehen muß, um über Farben urteilen zu können. Das war es, was all die »Gegner der Dialektik«, und ihre Reihe geht von Paulus über Epiphanius, und die ägyptischen Mönche, zu Bernhard, Thomas von Kempen, Luther, Kierkegaard*791 ? - im Innersten so entschlossen machte: die Evidenz, daß man mit aller natürlichen Kraft und Kunst vom Übernatürlichen nichts sieht und meistert. - Wahr! Aber überspannen wir den Gedanken von der »Autonomie des Christlichen«; machen wir es all dem unzugänglich, was aus Vernunft und natürlichen Maßstäben heraufsteigt - liefern wir es da nicht einer »christlichen Willkür« aus? Am Anfang »Glaube«, dann aber bald neuen psychologischen Voraussetzungen verfallend, nämlich der »nur religiösen« Haltung mit ihrem antikulturellen, antinatürlichen Ressentiment? Und ist das nicht so furchtbar, daß man lieber alle liberalen Rationalismen in Kauf nimmt, nur um wieder atmen zu können? Skylla und Charybdis! Und das rechte christliche Leben schreitet - wahrhaftig keinen goldenen Mittelweg! Die Lobredner dieser bourgeoisen Wohlgeordnetheit möchte ich hier balancieren sehen. Aber einen sehr schmalen, sehr schwanken Pfad! - Da helfen überhaupt keine Theorien mehr, sondern ein Sinn des Maßes, den uns Gott schenken möge!
Gestern war ich bei der Baronin v. Gebsattel.*792 Sie ist protestantisch; ihr Mann katholisch (eine ganz feine Persönlichkeit; voll lebendigen philosophischen
791 Die aufgezählten Namen stehen für die Ablehnung der philosophischen »Dialektik« = Logik zugunsten des translogischen Charakters des Glaubens.
Epiphanius von Salamis (um 315, Besanduk/Eleutheropolis (heute: Israel), bis 12.4.403), Bischof von Konstantia (Salamis) auf Zypern, sah Origenes als Urheber aller Häresie an, besonders des Arianismus; war in seiner Jugend zeitweise Schüler der ägyptischen Mönche, die als strenge Eremiten und Asketen in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten in der Wüste lebten. In der berühmten »Bibliothek der Kirchenväter« (BKV) im Kösel-Verlag war 1919 eine Auswahl der Schriften von Epiphanius erschienen. -
Bernhard von Clairvaux (1090, bei Dijon, bis 1153, Clairvaux), Gründer des Reform­ordens der Zisterzienser, bedeutender Mystiker.
Thomas von Kempen (um 1380, Kempen, bis 1471, Zwolle), Mystiker aus der Schule der devotio moderna, Autor der Imitatio Christi, des berühmtesten Andachtsbuches des Spätmittelalters, das Guardinis Mutter, aber auch er selbst gerne las.
Martin Luther (1483, Eisleben, bis 1546, ebd.), Reformator und Kritiker der »Hure Vernunft«.
Sören Kierkegaard (1813, Kopenhagen, bis 1855, ebd.), Begründer der Existenzphilosophie gegen das System des Absoluten bei Hegel; bedeutendster protestantischer Religionsphilosoph des 19. Jh., von großem Einfluß auch auf Guardini.

792 Noch nicht ermittelt. Guardini hatte in seiner Münchner Phase (1948-1968) Kontakt mit dem Psychotherapeuten Victor-Emil von Gebsattel (1883, München, bis 1976, Bamberg); nach 1945 Leiter des Nervensanatoriums »Schloß Haus Baden« der Caritas in Badenweiler; Prof. für medizinische Psychologie und Psychotherapie in Würzburg; Werke (Auswahl): Christentum und Humanismus. Wege des menschlichen Selbstverständnisses, 1947; Prolegomena einer medizinischen Anthropologie, 1954.

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