Romano Guardini Online Konkordanz
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den im Grunde falschen, sekundär jedoch richtigen Vorwurf machen, es verachte die Welt und fliehe vor ihr.
Auf jeden Fall wurde die Welt selbst und als solche nicht als christliche Aufgabe gesehen. Sie war der nun einmal gegebene Ort des Daseins; auch gab es Pflichten in ihr: gegen König, Familie, Stand usw. Vor allem aber war sie Versuchung. Nicht war sie als Welt Gegenstand christlicher Verantwortung.
Das hat sich gerächt. Eine Welt ist entstanden, die als solche nicht christlich durchwirkt, sondern, religiös gesehen, dem Nichtgläubigen überlassen war: dem Pantheismus, Rationalismus, Deismus, der Skepsis usw. Genauer gesagt: Das mittelalterliche Bewußtsein hat auch sie christlich durchgeformt, aber sozusagen trotz ihrer, in der Phantasie, symbolisch, über ihre Wirklichkeit hinweg - denken wir an die Kunst, die Dichtung (Dante), die soziale und politische Ordnung (Hierarchie und Reichsidee), das Naturdenken (Symbolismus). Sie war nicht real gesehen und in ihrer Realität christlich erfaßt und in Verantwortung genommen. Entsprechend entstand auch eine Christlichkeit ohne Gehalt an realer Welt. Daraus kam eine Verarmung des christlichen Gedankens selbst, eine Dürftigkeit und Abseitigkeit; eine christliche Existenz, die nicht in der geschichtlichen Stunde stand, ebenso wie eine vom Christen im Stich gelassene Welt.
Von hier aus ist uns eine Aufgabe gestellt: nämlich eine nicht nur widerwillig zugestandene, sondern aufrichtig gewollte christliche Sorge um die Welt; eine Sorge, die sich nicht nur um Notwendigkeiten und Aufgaben in der Welt, sondern um sie selbst und als solche sorgt. Das aber ist nur möglich, wenn die Welt als von Gott gewollte und Ihm teure Wirklichkeit und Wertfülle, als etwas gesehen wird, das Er dem Menschen anvertraut hat.
Das Wort der Genesis: »Gott der Herr. setzte [den Menschen] in den Garten Eden, daß er ihn bebaue und bewahre« (Gen 2,15), ist zunächst vom »Paradies« gemeint, das heißt, von der durch den reinen Menschen erfahrenen und regierten Welt - denn die eigentliche, volle »Welt« entsteht ja erst aus der Begegnung des Menschen mit der Natur: diese Begegnung aber sowohl wie das daraus hervorgehende Erkennen und Bewerten, Tun und Gestalten vollzog sich aus

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