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Darauf wäre natürlich vielerlei zu erwidern. Man könnte von Schwierigkeiten sprechen, die überwunden; von Erfahrungen, die gemacht worden sind; von Vorlesungen, die gehalten, von Büchern, die geschrieben, von Einsichten, die gewonnen worden sind, und mehr der Art. Das alles wäre wichtig, aber doch noch nicht das Eigentliche; noch nicht der letzte Extrakt sozusagen aus so langer Zeit und so vielfältigem Bemühen. Was sich mir selbst bei genauerer Besinnung als dieses Eigentliche dargestellt hat, möchte ich durch den – natürlich nur höchst flüchtigen – Hinweis auf ein platonisches Phänomen sagen; ein Phänomen, das sowohl Platons Philosophie wie auch seine Persönlichkeit angeht. Es kommt nur langsam zu Bewußtsein, bildet aber dann den Schlüssel zu Vielem: die platonische Ironie. Die Skizze dieses eigentümlichen Phänomens würde, glaube ich, etwa folgendermaßen vor sich zu gehen haben: Zuerst wäre von der geistigen Energie zu reden, mit der Platon sich der sophistischen Zerstörung aller echten Werte und Normen entgegengeworfen hat. Vor allem der Zerstörung dessen, was »Wahrheit« heißt, dadurch geschehen, daß die Sophisten als obersten Zweck alles Denkens und Sagens den Nutzen verkündet hatten, den Erfolg im sozialen Leben, den Gewinn von Geld und Einfluß. Dem hat Platon entgegengestellt, daß es echte, gültige Wahrheit gibt; und nicht nur mit Bezug auf wissenschaftliche Sachprobleme, sondern auch auf die Fragen nach dem Sinn des Daseins und der rechten Führung des Lebens, des Einzelnen wie der Gesamtheit. Platon muß ein ungeheures Erlebnis von Wahrheit gehabt haben – also nicht bloß der Feststellung von Richtigkeit, sondern der Innewerdung von Wahrheit, mit all der Sinnhoheit und Sinnfülle, die das unverdorbene Wort aussagt. Das offenbaren alle seine Schriften, in besonderer Weise der große Siebente Brief. | ||
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