Romano Guardini Online Konkordanz
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Das Verhältnis zur Natur
I.
Ich möchte vom Verhältnis ausgehen, in welchem der Mensch der sich neu bildenden Zeit zur Natur steht - das Wort für alles das genommen, was der Mensch antrifft, bevor er beginnt, selbst zu verändern und hervorzubringen.
Die vorausgehenden Epochen waren untereinander sehr verschieden. Eines aber scheint ihnen gemeinsam gewesen zu sein: Die Natur trat dem Menschen mit einer in ihrem Wesen entspringenden Initiative entgegen; fast könnte man sagen, sie habe eine Art Subjektivität gehabt.
Diese hat in den verschiedenen Epochen jeweils einen eigenen Charakter.
Die Natur des mythischen Bewußtseins ist das All. Es ist von göttlicher Lebendigkeit und Hoheit erfüllt. Es war immer und wird immer sein. Aus seiner schöpferischen Tiefe bringt es die Gestalten der Wirklichkeit hervor und nimmt sie wieder in sich zurück ... Die Bereiche dieser Wirklichkeit - anders ausgedrückt: die verschiedenen Aspekte ihres Ganzen - werden als göttliche Wesen empfunden. Was sich der Empirie darbietet, übersteigt zugleich beständig deren Reichweite. Es kommt aus dem Geheimnis und geht dahin zurück. Das Obere etwa des Daseinsraums, der Himmel, die in den Gestirnen erfahrene Macht des Waltens und Ordnens ist Zeus. Das physische Licht der Sonne, ebenso wie das des Geistes und des geistbestimmten Menschenwerkes, ist Apollon. Die Macht der Fruchtbarkeit in der Welt des Lebendigen ist Dionysos, und so fort. Alles aber wird durch die antlitzlosen und doch aufs eindringlichste sich bezeugenden Mächte der Gesetzlichkeit und Gerechtigkeit durchwirkt: Themis, Dike, Moira.
Das alles tritt dem Menschen mit intensivster Wirklichkeitswucht und Sinnmächtigkeit entgegen. So sehr er sich seiner Kraft bewußt ist; so heftig er sich unter Umständen gegen die Hoheit des Daseins erheben mag - denken wir an Gestalten

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