Romano Guardini Online Konkordanz
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und beurteilen es. Wir entscheiden etwa zwischen den Möglichkeiten des Handelns und verwirklichen die gewählte, wir verfolgen dabei eine bestimmte Methode und beobachten deren Ergebnisse.
Beim primitiven Menschen ist das anders. Er lebt ganz im Zusammenhang mit der Natur; in der Abfolge ihrer Rhythmen, wie sie beispielsweise im Wechsel von Tag und Nacht, von Frühling, Sommer, Herbst und Winter oder in den verschiedenen Phasen der Vitalität liegen. Ebenso bleibt er ganz im Zusammenhang des Stammes- und Sippenlebens, wie es sich in Sitten und Gebräuchen, in Kult und Krieg, Jagd und Arbeit abspielt.
Sein Instinkt antwortet unmittelbar auf die Dinge und Geschehnisse der Umwelt. Seine Intuition erfaßt ihre Gefahren wie ihren Nutzen für die verschiedenen Notwendigkeiten seines Lebens.
Er lebt in den Dingen, und die Dinge leben in ihm.
Auch das Verhältnis zu sich selbst hat diesen Charakter der Unmittelbarkeit. Wir Heutige beobachten, prüfen, kontrollieren uns; der primitive Mensch lebt einfachhin. Er folgt seinen Instinkten, und da diese ganz auf den Zusammenhang von Natur und Gemeinschaft eingestellt sind, führen sie richtig.
Ethnologen sagen, der primitive Mensch mache den Eindruck, als sei es nicht die Individualität des betreffenden Menschen, welche da lebt, sondern „das Leben“ lebe in ihm; der Mensch lebe nicht, sondern er werde gelebt.
Entsprechend steht es mit den einzelnen Akten. Nicht er selbst denkt, sondern es denkt in ihm, aus der Situation heraus. Und das so lange, als die Situation dauert; dann hört es auf. Der logische Fortgang, an den wir gewöhnt sind, bedarf der Kritik
und der Führung; diese fehlt beim primitiven Menschen. Der Gedanke taucht auf und versinkt wieder. Auch das folgerichtige, durch längere Zeit hin festgehaltene Wollen fehlt. Nicht der Mensch will, sondern es will in ihm. Die Antriebe kommen aus der Situation, aus dem psychologischen Zustand der Umgebung. Sie ergreifen ihn, tragen ihn und lassen ihn wieder los, sodaß alles einen unpersönlichen, naturhaft-kollektiven Charakter hat. (Darin liegt wohl auch der Grund, warum beim

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