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Dichtung zu bringen, als erforderlich ist, um - Paradoxie der Interpretation! - die Deutung verständlich zu machen. Trotzdem wird diese nur dann ihren Zweck erfüllen, wenn der Leser nachher zu der Dichtung selbst greift, von der sie handelt. Es wäre verlockend, die Untersuchung weiter auszudehnen. Etwa den Vorstufen und Seitenformen nachzugehen, welche die "Stopfkuchen"-Gestalt in anderen Schriften Raabes hat; besonders dem Vetter Just in den "Alten Nestern". Nicht weniger verlockend, einige philosophische Fäden zu verfolgen, die von dieser seltsamsten der Raabeschen Gestalten in die Tiefe seiner Welt- und Lebensdeutung führen: etwa dem Problem des Lachens; dem des Philisters als dem Gegengewicht zum Idealisten, wobei auch an das andere Gegengewicht zu denken wäre, das der Dichter ihm gibt, nämlich die warmherzige, realistische Frau; oder dem Problem des Gemeinplatzes, der für Raabe - und nicht nur für ihn - eine so besondere Bedeutung hat. Diesen Verlockungen muß ich widerstehen. 1. Wilhelm Raabe gehört zu den großen deutschen Erzählern des vergangenen Jahrhunderts; ich glaube aber nicht, daß ihn das allgemeine Bewußtsein als den kennt, der er eigentlich war. Sein Gesamtwerk liegt in verschiedene Ringe gegliedert. Da sind zunächst mehr äußerliche, flott erzählte Geschichten, wie "Die schwarze Galeere". Tiefer nach der Mitte hin der Kreis der besinnlich-gemütvollen, handlungsreichen Erzählungen, wie die "Chronik der Sperlingsgasse", "Der Hungerpastor" und die verschiedenen Geschichten aus dem Dreißigjährigen Kriege, bis zu den "Leuten aus dem Walde", die schon auf dem Rande stehen. Diese Bücher sind es wohl, die den Raabe der allgemeinen Kenntnis bestimmen. Den dritten Ring bilden jene Werke, in welchen er recht eigentlich Menschengestalt und -schicksal formt. Oft kraus in der Form, die Erzählung von viel Nachdenklichkeit durchkreuzt, die Stimmung voll eines zuweilen | ||
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