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Als man die heilige Agnes gefangen fortführen wollte, war sie so jung und schmal, daß die kleinsten Fesseln ihr von den Händen fielen ... Die unschuldigen Kinder aber haben doch nicht einmal das gehabt, was zum eigentlichen Menschendasein gehört: das Bewußtsein von sich selbst und fühlendes Herz und freies Wollen. Sie haben noch nicht glauben können; nicht Gott lieben, nicht mit dem schwächsten Stammeln Gott anrufen können. Und doch feiert sie die Kirche. Das ist wohl seltsam. In den Heiligen verkörpern sich die Geheimnisse Gottes. In einem die Abgründigkeit Seiner Erkenntnis; im anderen die Glut Seiner Liebe; im dritten Seine Stärke, wieder in anderen Sein Reichtum, oder Seine Lieblichkeit, oder Seine Reinheit oder welche Gottesherrlichkeit sonst ... Auch in den heiligen Kindern wird ein Geheimnis Gottes offenbar. Die Menschen glauben alles mögliche zu leisten und zu tun - aber im Letzten sind nicht sie es, die tun, sondern Gott. Sie strengen sich an; sie ringen; sie opfern - aber das Eigentliche daran ist Geschenk, Schöpfung von Gott her, Seine Gabe. Denn alles eigene Tun liegt ja erst innerhalb des Geschenkten; ist selber schon Gottes Geschenk. Aber das vergessen wir und meinen, selbst zu sein, zu können, zu leisten. Und nun stehen da Wesen, die mit all ihrem Sein verkünden: Nicht aus uns! Und so verkünden sie in einer letzten Reinheit das Geheimnis der Gnade. Sie haben nicht gekämpft, nicht geschaffen, nicht geopfert, nicht gestrebt, nicht gelitten. Sie haben nicht einmal denken können; nicht gewußt, nicht gefühlt, nicht geglaubt, nicht geliebt. Ihre ganze Existenz ist nur da. Sie sind in das Leben eingetreten ... in die Nähe des Christuskindes gekommen ... Reich Gottes ist in ihnen aufgeblüht, von jener Knospe Gottes her; ohne alles eigene Wollen und Tun, reine Gabe, reine, allerreinste Gnade ... Und bevor sie dessen auch nur innewerden konnten, auch nur Dank sagen konnten, wurden sie weggenommen. | ||
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