Romano Guardini Online Konkordanz
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$ie kann lachen und erzählt gern von den vergangenen Jahren. Zu allem ist auch die Kost mangelhaft.
Mit dem Geschäft haben wir große Sorgen. Von unserer Filiale in Ungarn, der einzigen, die arbeiten konnte, wissen wir seit einem Jahr nichts mehr. Und sonst ist auch alles sehr schwierig.
Gesundheit ist ganz gut. Und der Humor nicht zu schlecht.
Meine Stellung hat sich noch nicht verändert. Ich stehe vor der Frage, ob ich für Ostern auf jeden Fall Urlaub nehmen soll, auch wenn der Abt H.*666 keinen Posten für mich findet. Die Sache ist auch finanziell nicht ganz unbedenklich, da ich mit eintretendem Urlaub kein Gehalt mehr bekomme. Aber das wäre nicht so schlimm. Ich käme schon durch. Hab nur keinen rechten Mut; ich meine, ich wäre zu alt. Und dann; immer mehr kommt mir das Bewußtsein, daß ich kein Gelehrter bin. Was soll ich unter den Wissenschaftsfabrikanten? Mir kommt ein Aufsatz oder ein Büchlein, viel mehr wie ein Dichterstück als wie eine Untersuchung, aus Geist und innerer Herzenserregung, nicht aus Verstand und Methode. Wenn ich mit meinen oft so ganz abstrakten Begriffen hantiere, hab' ich nie das Gefühl, Wissenschaft zu treiben, sondern ich gehe mit geistigen Werkstücken um, grabe, baue, wölbe. Daß es auch zur wissenschaftlichen Wahrheit gerät, geschieht von selbst. Ich folge nur einem inneren Gefühl, das mich da ansetzen und dort graben heißt. Ich glaube, ich bleibe noch irgendwo auf einem praktischen Pöstchen sitzen, und schreibe meine Sachen, wann sie wollen. Lehren tät' ich freilich für mein Leben gern.
Übermäßig viel ist mir die Zeit her durch den Kopf gegangen. Ich weiß nicht, wie ihr denkt; aber ich glaube fest an das Erstehen einer neuen großen Zeit. Die Frage ist bloß, ob dabei nicht allzuviel des Alt-Guten zerstört wird, und auch, ob wir mit heilem Schädel durch die nächsten Jahre kommen. Aber die Gedanken sind da, und, was mehr ist, das innere seelische Müssen. Die Menschen sind andere, und nun bricht das »Andere« hervor und schafft sich sein Kleid. Ich kann nicht pessimistisch sein. Ich sehe zu viel Großes sich regen. Und all die Zerstörung sehe ich wie einen Schmelztiegel, in dem zusammengebrannt wird, was uns belastete. Wir werden arm. Aber es ist Zeit, die Armut als positive Kulturmacht zu verstehen. Erinnerst Du Dich an unsere Gespräche über das Elementare, und daß auf eine Zeit der Differenzierung eine solche kommen müsse, die wieder alles auf das Einfache und Wesentliche einschmilzt? Damals, in Zeit, ahnten wir nicht, daß es so bald geschehen
666 Abt Herwegen von Maria Laach; vgl. Br. 79.

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