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errungen war, zeigte sich nach ihrer Herstellung als etwas ganz minderwertiges.*797 Minderwertig einmal nach Material, Dünne der Wände u.s.w.; dann aber und vor allem derart ohne alle Form, in Anlage und Gestalt der Räume, daß kein Gefühl des Zuhause aufkommen konnte. Ich hätte nie geglaubt, daß aesthetische Werte bzw. Unwerte so unmittelbar, fast physisch als Realitäten empfunden werden können. Dazu viel Lärm. Vor dem Haus die Elektrische alle 7 Minuten; daran vorbei mindestens alle 10 Min. ein Eisenbahnzug. Immerhin, ich fand mich ab, im Gedanken, nach einiger Zeit vielleicht besseres zu finden. Ging nach Dresden; kam zurück, und nun tat sich eine so empfindliche Geldschwierigkeit auf - und sie war mehr als eine solche - daß ich mich entschließen mußte, wieder etwas anderes zu suchen. Nun ziehe ich im August wieder um, und hoffe, die in der neuen Wohnung bereits festgestellten Negativa möchten nicht allzu schlimm werden. Das war ein schlimmes Zwischenspiel, das mich sehr viel Geld und einige recht liebgewonnene Hoffnungen gekostet hat. Dresden hat mir gut getan.*798 Es war dort ruhig und schön. Nicht bei dem Hunger-Therapeuten, sondern bei einem mäßigen. Freilich habe ich auch da mir den Gedanken vertrauter machen müssen, daß eine »Gesundung«, wie ich sie mir gedacht hatte, offenbar etwas Phantastisches war. Ich werde damit rechnen müssen, daß der Kräftestand im Großen und Ganzen eben doch gegeben ist, und daß es darauf ankommt, damit gut Haus zu halten. Nun bin ich an der Nordsee. Es ist ebenfalls schön und ruhig. Eigentlich bin ich überschüttet mit Schönem. Aber ich brauche nicht zuviel schlechtes Gewissen zu haben; froh bin ich fast nie. Immer ist man 797 Adresse nicht ermittelt; Guardini wohnte nur kurz, vom 1. April bis zum 1. September 1927 dort (s. Brief an Rudolf Schwarz vom 8. Juli 1927). Zu den Wohnungen Guardinis vgl. das Vorwort. 798 Wegen der erwähnten »Atemnot« (Br. 96) war Guardini vermutlich in dem berühmten Sanatorium auf dem »Weißen Hirsch« in Dresden. Auch der Aufenthalt an der Nordsee diente der Erholung, zumal Fanny Kempner Guardini mit ihrem Arzt Aschoff bekanntgemacht hatte; vgl. Br. 129. In diesem Sommersemester 1927 fielen seine Vorlesungen überhaupt aus (M 243). | ||
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