Romano Guardini Online Konkordanz
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Pfingstfestes den Herrn recht sah. Dieses Gefühl ist im Gang der langen Jahre unverwelkt geblieben: das große Staunen darüber, wie es habe geschehen können, daß das Wort Gottes Fleisch wurde.
Dieses Staunen ist kein Zweifel. Im Prolog seines Evangeliums heißt es: »ja, das Wort ist Fleisch geworden und hat sein Zelt unter uns gehabt, und wir haben seine Herrlichkeit geschaut«. Im ersten Brief: »Daran ist Gottes Liebe an uns offenbar geworden, daß Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben«. Und zu Beginn des gleichen Briefes: »Was von Anfang an war, was wir gehört, was wir gesehen und unsere Hände betastet haben vom Wort des Lebens - und das Leben ist offenbar geworden, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das beim Vater war, und uns offenbar geworden ist - was wir also gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch ...« Wir fühlen, er kann sich nicht genug tun. Es ist ihm ewig neu, das unfaßliche Ereignis: Das Leben ist wirklich offenbar geworden ... wir haben es gesehen ... wir haben es gehört ... unsere Hände haben es betastet ... wir bezeugen.
Darüber kann er nicht aufhören, zu staunen: Wie hat es nur sein können, daß Gott, Gottes Wort, das die Welt geschaffen, Mensch wurde? Wirklicher Mensch? Und damit der Begriff »Mensch« nicht idealisiert, unverbindlich genommen werde, faßt er das Gemeinte ganz scharf: daß es »Fleisch wurde«, ganz und gar in unser Sein hereingenommen wurde, so daß es unter uns wohnte, »sein Zelt unter uns hatte«?
Platon hat gesagt, das mache den wahren Philosophen, den der Wahrheit Verpflichteten, daß er vor dem Seienden staune. Das bedeutet nicht »Zweifeln«; Zweifeln allein zerstört. Es bedeutet aber auch nicht »Wissen«; Wissen allein verengt. Es ist etwas, was Schau und Frage zugleich in sich hat. Ein ja, das aber nicht abschließt, sondern vorantreibt. Ein Suchen, das aber von einem ersten Gefunden-Haben ausgeht,

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