Romano Guardini Online Konkordanz
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sein. Die andere Form ist die Betrachtung, bei welcher Geist und Gemüt sich in die Wahrheit der Offenbarung versenken. Auch sie geht vom Worte aus, strebt aber, in ein immer einfacheres Gegenüber zu Gott zu gelangen. Sowohl die Geschichte des Betens wie auch das Wesen des Gebetsaktes selbst zeigen nun, daß es zwischen diesen beiden Grundformen Mittelbildungen gibt, welche für das religiöse Leben von großer Bedeutung sind. In ihnen verbindet sich der Akt des Betrachtens mit dem gesprochenen Wort. Letzteres bildet den Raum des betenden Verweilens; so muß es sich reicher entfalten als beim einfachen Aussprechen des Herzensanliegens. Nun ist das aber, wenn keine Rhetorik daraus werden soll, nicht leicht, so stellt sich von selbst das Mittel der Wiederholung ein. Ein bestimmter Gebetstext wird so oft gesprochen, als nötig ist, damit sich die Betrachtung darin entwickeln kann. Diese bleibt ihrerseits an das Wort gebunden. Sie hat an ihm eine Hilfe; bekommt durch es aber auch einen gleichförmigeren Charakter, als wenn sie sich frei bewegen könnte.
Diese Gebetsform ist besonders für die Volksandacht wichtig geworden und hat sich im Laufe der Geschichte reich entfaltet. Zu ihr gehört auch der Rosenkranz.
Er verwirklicht die beschriebene Gebetsstruktur in einer bewunderungswürdigen Vollkommenheit. Das zeigt sich vor allem in den Maßen seiner Texte, in der Zahl der Wiederholungen und im Aufbau des Ganzen. Ferner in der Art, wie das mündliche und das betrachtende Gebet ineinandergefügt sind. Endlich in der Auswahl der zu betrachtenden Wahrheiten, welche wichtige Ereignisse der Erlösung mit Grundtatsachen der christlichen Existenz verknüpft.
Das Besondere des Rosenkranzes besteht darin, daß die Betrachtung der Erlösungsgeschehnisse sich in ein Gebet einfügt, welches sich an die Mutter Christi wendet. Dadurch werden die Gestalt und das erlösende Leben Christi aus dem Erleben Marias heraus aufgefaßt und andererseits das Leben Marias so betrachtet,

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