Romano Guardini Online Konkordanz
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Was ist Freiheit? Zunächst geraten wir auf die oberflächlicheren Antworten: daß die Willensentscheidung Herrin ihrer selbst sei; daß man nicht gehemmt werde, zu tun oder zu sein, wozu es einen treibt. Aber das geht nicht tief. Was ist denn die Freiheit, nach der wir streben? Sie muß etwas Großes sein, etwas, in dem sich aller Menschenwert vollendet.
Freiheit ist Wahrheit. Ein Mensch ist frei, wenn er ganz das ist, was er seinem Wesen nach sein soll. Freiheit ist die Weise, wie einer ganz er selbst ist und zu allen Dingen in rechtem Verhältnis steht. Zu dieser Freiheit aber führt der Weg durch den Gehorsam.
Der Mensch will zu Gott. Aber Gott in seiner Fülle und Größe verschließt sich, solange der Mensch vor ihm nicht die rechte Haltung hat. Wie heißt diese Haltung? Ehrfurcht. Doch Ehrfurcht sagt zu wenig. Wie heißt jene Ehrfurcht, die bis ins Innerste geht? Die Gottes Hoheit allein Genüge tut und spricht: »Du bist Gott, ich aber bin Mensch?« Das ist die Anbetung.

*1 Zuvor eine kurze Bemerkung darüber, wie wir vorgehen wollen, und ich bitte jeden Leser, besonders den nicht gleicher Ansicht, sie zu beachten. Man kann diese Fragen ableitend erörtern, von Begriff und Grundsatz her. Man kann's auch von erzieherischer Erfahrung aus tun. Beide Wege sind notwendig und vortrefflich. Hier versuchen wir's mit einem anderen. Ich möchte jene Menschenart zeichnen, die mir die wertvollere scheint, und aus ihr das Verhältnis von Gehorsam und Selbständigkeit verständlich machen. So möchte ich gleichsam neue Augen auftun, um es neu zu sehen; jedem eine schöpferische Kraft seines Inneren zu Bewußtsein bringen, die bisher durch den »Verruf des Gehorchens« niedergehalten wurde, und nur darauf wartet, um jenes Verhältnis lebendig zu machen. Also nicht beweisen, sondern neu sehen helfen. Denkt, in einem trüben Raum sei ein Bild. Man kann nun durch chemische Untersuchung zeigen, die Farben seien trefflich; oder durch geschichtliche Berichte beweisen, es stamme von einem malgewaltigen Meister. Man kann aber auch hingehen und durch die Wand gegenüber ein Fenster schlagen: Nun flutet das Licht herein, und die Farben leuchten auf. Dann braucht man nicht mehr zu beweisen. Man sieht. Wenn der Sehende mithilft, dann gelingt hier vielleicht etwas dieser Art.

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