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Deshalb wurde es notwendig, sämtliche Schriften heranzuziehen, selbst solche, deren Inhalt zunächst weit vom Gegenstand der Untersuchung abliegt. Tatsächlich finden sich manchmal gerade in ihnen eigenartige Wendungen des Erlösungsgedankens. Es darf als ein allgemein begangener Fehler der Arbeiten über Bonaventuras Erlösungslehre gelten, daß nur seine systematischen Schriften, also Sentenzenkommentar und Breviloquium, allenfalls noch das „Itinerarium mentis in Deum" zur Untersuchung herangezogen wurden. Selbst eine Arbeit von katholischer Seite, wie die von Rivière *1, beschränkt sich für die Darstellung der Erlösungslehre auf den Sentenzenkommentar, und daraus erklärt sich auch ihr mageres und schiefes Ergebnis *2. Bonaventuras Erlösungslehre ist viel reicher, als sie in den bisherigen Darstellungen erscheint. Er ist kein eigenwilliger Denker, sondern nimmt die Tradition mit Ehrfurcht auf und verarbeitet sie. Die verschiedenen Gedankenreihen der Überlieferung fügen sich ihm zu einem Ganzen zusammen, in dem alle bis dahin gewonnenen Ergebnisse in vielfältigen Abwandelungen enthalten sind und von seiner milden Geistesrichtung ihren besonderen Charakter empfangen. Dazu kommt eine große spekulative Kraft und religiöse Innigkeit. Von all dem findet sich im Sentenzenkommentar nicht allzuviel. Er ist ein Handbuch für die offizielle Vorlesung. Auch im Breviloquium hält noch der didaktische Zweck den Verfasser zurück. Erst in seinen „freien" Schriften, den dogmatischen und mystisch-aszetischen Opuscula, bricht der wahre Geist des doctor seraphicus (oder, wie man ihn im ersten Jahrhundert nach seinem Tode nannte, des doctor devotus) mit Kraft hervor. Und war der Leser auch auf großen religiösen Reichtum gefaßt, so wird er in ihnen durch eine Weite der Spekulation überrascht, die zeigt, wie sehr Bonaventura seinem großen Lehrer Augustinus innerlich verwandt war. ++++ *1 J. Rivière, Le dogme de la Redemption ..., Paris 1905, 360-64. a Das gleiche gilt für die Darstellung J. Schwanes, Dogmengeschichte der mittleren Zeit, Freiburg i. B. 1882, 312 f., der überhaupt nur das Sentenzenwerk und Bonaventura nur als einen Vertreter der Genugtuungslehre nennt. F. Chr. Baur, Die christl. Lehre v. d. Versöhnung in ihrer geschichtlichen Entwicklung ..., Tübingen 1838, 228 ff., kennt bloß den Kommentar und faßt Bonaventuras Lehre nur als Verarbeitung der Genugtuungstheorie Anselms auf. R. Seeberg, Lehrb. d. Dogmengesch. 2. u. 3. Aufl. III. Leipzig 1913, S. 333 ff.; 393 ff., verwertet nur Sent., Brevil. u. Itin. A. Harnack, Lehrb. d. Dogmengesch. 4. Aufl. III. Tübingen 1910, ähnlich. | ||
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