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die Erziehung zu künstlerischem Urteil im religiös-kirchlichen Bereich. Auch diese Formel geriet in die Strömung der Geschichte, und wir haben ihre letzte Abwandlung noch im Ohr, welche besagte, die Kunst habe dem Staate zu dienen. Mit Schaudern denkt man an das zurück, was da hervorgebracht wurde. Ich erinnere mich noch gut, wie ich in München durch das vor kurzem eröffnete „Haus der deutschen Kunst“ ging und angesichts all der ringsum hängenden und stehenden Leere nicht wußte, ob ich lachen oder frieren solle. Zum Glück war die andere Ausstellung mit der Überschrift „Entartete Kunst“ in nächster Nähe; so konnte man hingehen und sich an den Werken eines Ernst Barlach, Franz Marc, Paul Klee, Lovis Corinth und anderer – solche befanden sich da wirklich, allerdings in raffinierter Weise von Abgeschmacktheiten und Scheußlichkeiten umgeben – die Augen wieder sauber sehen. Nun, die Formel ist abgetan; welche soll jetzt gelten? Wie wäre es aber, wenn man versuchte, ohne Formeln auszukommen? Und der Künstler täte nichts als in die Fülle der Welt draußen und drinnen zu blicken und das, was er schaut, so auszusprechen, wie es selbst ausgesprochen sein will? Kunst hat keinen Zweck, aber sie hat einen Sinn: daß der „zum Sehen Geborne, zum Schauen Bestellte“ die immer neue Begegnung zwischen Mensch und Welt in Farben, Formen, Tönen und Worten ausdrücke – ohne Absichten, aber in Reinheit; nicht unter dem Befehl von Parolen, aber in Verantwortung vor dem Gewissen. Überall müssen wir Zwecke im Auge halten. Überall müssen wir das Wenige, das uns geblieben ist, an die Stelle bringen, wo es am nötigsten ist, und bis zum Äußersten ausnützen. Nirgends ist uns mehr gestattet, einfach aus der Fülle der Welt zu leben. So sollte die Kunst die schöne Ausnahme bleiben und rein aus dem Sinn heraus schaffen, Unterpfand dafür, daß trotz allem die Absichtslosigkeit doch die größte Macht ist. Es geht ja auch gar nicht anders, denn nur die Absichtslosigkeit öffnet den Raum, worin die schaffenden Kräfte frei werden und die | ||
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