Romano Guardini Online Konkordanz
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Es muß möglich sein, die Illusionen fallen zu lassen, die Grenzen unseres Daseins ganz scharf gezogen zu sehen. Zugleich aber eine neue Unendlichkeit zu gewinnen, die aus dem Geiste hervorgeht.
Es muß möglich sein, die Aufgabe der Naturbeherrschung im zugewiesenen Maß zu lösen. Zugleich aber der Seele einen neuen Raum der Freiheit zu schaffen; das Leben zu unbeirrter Sicherheit sich selbst zurückzugeben. Und eine Haltung zu gewinnen, eine Gesinnung, eine neue Ordnung von lebendigen Maßstäben des Vornehmen und Verächtlichen, des Erlaubten und Unerlaubten, der Verantwortung, der Grenzen usw., durch welche die Gefahr gebändigt wird, die aus den zu jeder Zerstörung fähigen willkürlichen Naturkräften kommt. Es muß möglich sein, den alten Aristokratismus der kleinen Zahl verschwinden zu sehen; der Tatsache der Masse stattzugeben; der Tatsache, daß jeder dieser Vielen sein Recht auf Leben und Güter hat. Zugleich aber die Masse aus ihr selbst zu gliedern, und zu einer neuen Rangordnung von Wert und menschlichem Sein zu kommen.
Es muß möglich sein, den Weg des Technischen zum sinngemäßen Ziel zu gehen, die technischen Mächte in ihrer ganzen Dynamik sich entfalten zu lassen, auch wenn dabei die alte organische Ordnung zerfällt. Zugleich aber eine neue Ordnung, einen neuen Kosmos von einem diesen Mächten gewachsenen Menschentum her zu schaffen.
Es muß möglich sein - ist es das aber auch wirklich? Auf der alten menschlichen Ebene, auf der wir stehen, nicht. Daher die tiefe Ratlosigkeit überall. Überall sind Besorgte, Verantwortungsbedrückte, Eifrige vom Alten her am Werk, aber man spürt die Ohnmacht. Die entfesselten Gewalten sind nur von einer neuen Ebene her zu bewältigen, von einem neuen Beziehungspunkt her, und aus einem neuen Bilde. Das alles entspringt aber nicht aus Systemen und Ideen, sondern nur aus

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