Romano Guardini Online Konkordanz
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in seinem Wesen dem Geiste durchsichtig, Seiendes in seinem Wert dem Herzen fühlbar wird.
Wer den Bereich der Göttlichen Komödie betritt, empfängt sofort den Eindruck einer intensiven Ordnungskraft: aus dem Versmaß mit seiner Präzision; aus dem Aufbau des Ganzen mit seiner architektonischen Klarheit; aus den sich entfaltenden kosmischen, politischen, ethischen Hierarchien.
Diese Ordnung bildet die Struktur der Welt. In ihr vollzieht sich aber auch ein metaphysisch-religiöser Vorgang, nämlich jene Bewegung, welche die neuplatonische Philosophie unter den Begriffen des ekdromos und der epistrophé versteht. Danach erscheinen alle Dinge als immerfort aus einem ersten Ursprungspunkt hervorgehend und wieder dahin zurückkehrend. Diese Bewegung kommt im menschlichen Geist zu Bewußtsein und realisiert sich dort in der Form der höchsten Akte: der Erkenntnis, der ethisch-religiösen Befreiung und der Vereinigung mit dem Absoluten.
Die Vorstellung ist dann durch die christliche Gedankenarbeit aufgenommen und umgeformt worden, zu erinnern vor allem an Augustinus und an die großen Systematiker des Mittelalters, unter ihnen besonders an Bonaventura. In der Göttlichen Komödie ist sie überall wirksam. Sie charakterisiert das Weltbild, das sich in ihr entfaltet, wie auch die Bewegung, die sich in ihr vollzieht.
In dieser Vorstellung kommt dem Moment des Lichtes eine zentrale Bedeutung zu, denn es ist Ausdruck für alles das, was Wahrheit, Gutheit, Schönheit, Wert, Sinn bedeutet. So wird der ekdromos des Geschaffenen aus dem Ursprung, bzw. die Sinnmitteilung an es, als ein Ausströmen von Licht gesehen – ebenso, wie alle Akte, welche Wert und Sinn auffassen, als Akte des Lichtempfangs erscheinen. Sofort ist auch klar, daß hiermit ein Primat des Auges ausgesprochen wird, wie er ja auch in der Intention von Dantes Dichtung liegt.


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