Romano Guardini Online Konkordanz
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Dantes Verhältnis zur Geschichtlichkeit überhaupt erwächst. Von ihnen soll hier die Rede sein.
Um sie zu schildern, könnten wir nun von seinen theoretischen Schriften, dem Convivio und dem Buch De Monarchia, ausgehen, wobei uns die Episteln wertvolle Ergänzungen liefern würden. Es scheint aber fruchtbarer, jenes Werk zu befragen, in welchem er mit voller Meisterschaft redet, nämlich die Göttliche Komödie. Diese ist kein philosophischer Traktat, sondern eine Dichtung. Wenn auch Dante ein wirklicher Denker ist, so liegt doch Entscheidendes seiner Ansichten nicht in gedanklichen Darlegungen, sondern in den Gestalten und Geschehnissen, welche das Werk erfüllen, und in den Ordnungen, auf denen sich seine Welt aufbaut. Aus ihnen muß also das Gesuchte herausgeholt werden.

II.
Jedes dichterisch geformte Geschehen geht auf ein Ende zu, worin es zum Abschluß seines Verlaufes wie auch zur Erfüllung seines Sinnes gelangt. Dieses »Enden« kann aber verschiedenes Gewicht haben. In der Ilias empfindet man jenes große Strömen, das wir als »das Epische« bezeichnen. Es geht in stetigem Gefälle auf das Endereignis zu, um darin zur Ruhe zu kommen. An diesem Maßstab gemessen, ist die Göttliche Komödie überhaupt kein »Epos«, sondern ein Werk eigener Art. Ihre Form ist viel anspruchsvoller, angefangen von ihrem Versmaß bis zu der Architektur der drei Bereiche, die sich nach dem Eingang in den drei cantiche mit ihren jeweils dreiunddreißig Gesängen ausdrückt. Hier waltet ein strenges Gesetz, aber so meisterlich gehandhabt, daß man es fühlt, ohne beengt zu sein. Am Schluß der in jedem Element geformten

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