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mit welcher die spätgriechische Zeit die Werke der Vergangenheit gesammelt, die Texte geprüft, die Dichtformen untersucht, Maßstäbe für den literarischen Rang ausgearbeitet und so ein Bewußtsein von dem gebildet hat, was die großen Jahrhunderte vorher geschaffen hatten. Daß darin die Gefahr der Unselbständigkeit und Nachahmung, des Epigonentums liegt, und die noch schlimmere, eigene Unfruchtbarkeit durch Pedanterie im Nebensächlichen und Überheblichkeit im Urteil aufzuwiegen, versteht sich von selbst. Sobald man von Alexandrinertum im schlimmen Sinn spricht, meint man eben das. In unserer Zeit hat die literarische Forschung Großes geleistet. Ausgaben aller Art vermitteln Jedem die Werke der Früheren. Das Bewußtsein vom Erbe der Vergangenheit ist sehr wach. Kritische Bemühung aller Art sucht es zu verstehen, Baugesetze und Wertmaßstäbe herauszuarbeiten. Anderseits ist aber auch eine literarische Geschäftigkeit am Werk; Verlage, Publizistik, Rundfunk, Bildungsbestrebungen überschwemmen uns mit einer solchen Flut von Gesprochenem und Gedrucktem, daß wir eine neue Art des Alexandrinertums nahe fühlen und uns fragen, wie wir Empfänglichkeit und Urteilskraft schützen können, damit sie heil bleiben. Kommt uns dann vollends die Massenhaftigkeit des heutigen Bildungsangebots zu Bewußtsein, getragen von einer Kulturindustrie, für die alles zur Ware wird, dann fühlen wir einen Verschleiß alles Wertvollen vor sich gehen, der mutlos machen kann. Noch etwas anderes kann aber der Drang zum Interpretieren bedeuten, und das wäre die günstige Seite des Bildungsbetriebs, von welchem die Rede war. Unsere Zeit ist voll von Kräften, die ins Werk drängen, aber nicht wissen, wie das in gültiger Weise geschehen könne. Möglichkeiten größten Maßes öffnen sich. Die Geschichte fordert Gestaltung auf einer Weite des Feldes, die nie geboten war. Das Bild vom Menschen und das von der Welt sind in einem Umbau begriffen, der bis auf den Grund geht. Die Frage nach den letzten Wirklichkeiten und Sinngebungen, | ||
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