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zur zusammenhängenden Ausführung. Wirkliche Fragmente; nicht etwa Sprüche, wie sie sich in der Weisheitsliteratur aller Zeiten finden und in welchen ein Mann, der tief genug ins Dasein geschaut hat, Wesentliches in wenige Worte zusammendrängt, damit es meditierend angeeignet werde oder bei irgendeiner Wende des Lebens Licht und Weisung gebe. Auch nicht kurze Lehrstücke, wie etwa die Kapitel von Epiktets „Handbüchlein“, in denen sich die Einsicht und Überwindung langer Jahre zusammendrängen, so daß sie dem Leser wie Themata sittlicher Übung entgegentreten. Spruch und Lehrstück stellen eine Verdichtung ausgebreiteten Erfahrens und Denkens dar. Ihre Form bedeutet zur Ruhe gebrachte Spannung, die dann im Aufnehmenden zu neuem Leben wird. So erscheinen sie als kleine, geschlossene Gefüge, in denen unter einem besonderen Gesichtspunkt jeweils das Ganze des Daseins aufleuchtet. Bei den „Pensées“ handelt es sich nicht um dergleichen. Gewiß gibt es unter ihnen Sätze, die zum „Spruch“, und Stücke, die zum „Kapitel“ geraten sind; in der Regel sind es aber wirkliche Fragmente, Niederschläge weitergehenden Erfahrens und Denkens. So fühlt man sich zum Vergleich mit anderen Texten aufgefordert, die ebenfalls aus Bruchstücken bestehen, ja in denen das Unfertige selbst zur Form geworden ist. Wir denken an die Schriften der französischen „Moralisten“ und an die Fragmente der Romantiker. Auch die „Maximen“, „Gedanken“ und „Reflexionen“ des Herzogs de la Rochefoucauld, die Skizzen von Vauvenargues, die Notizen Chamforts und Jouberts sind in der Hauptsache „Fragmente“. Keine in sich ruhenden Sprüche, keine ausgewogenen Lehrstücke, sondern Durchgänge einer geistigen Bewegung; Funken, die aus einer Begegnung springen; Einfälle, Lichter, hingeworfene Gesichtspunkte. Ihre Atmosphäre ist die gesellschaftliche Kultur des „ancien régime“. Was sie trägt, ist der „esprit“ des Weltmannes; sein scharfes Beobachten, rasches Verstehen, lebendiges Formulieren. Es ist die Überlegenheit des Kavaliers, dessen Lässigkeit höchste Form bedeutet. Ihr Urheber | ||
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