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aus dem übrigen Gemeinschaftsleben herauslöst und volle Freiheit für ihre besonderen Aufgaben erringt, so grenzt sich auch die kirchliche Glaubenswissenschaft aus der geistigen Gesamtwelt ab, wird ihres Eigenwesens bewußt, tritt auf die ihr zugehörige Grundlage und macht sich zu wesensgemäßer Entfaltung frei. Die gleichen Antriebe und Bewegungen, zum Teil die nämlichen Persönlichkeiten, tragen diesen Vorgang wie jenen. Gewiß hat es bereits vorher eine theoretische Beschäftigung mit dem Glaubensinhalt gegeben, doch hatte sie noch nicht eigentlich wissenschaftlichen Charakter. Sie war noch in das praktisch-religiöse Leben hereinbezogen. Entweder hatte sie die Gestalt von Predigten oder Unterweisung, wie so viele Werke der Kirchenväter, oder sie war mit einer stark praktisch gerichteten Schriftauslegung verbunden, oder diente endlich polemischen und apologetischen Zwecken. Auch Übergänge zu eigentlicher Wissenschaft gab es, wie z.B. das Werk des heiligen Johannes Damaszenus. Aber in sich stehende, von praktischen Zwecken unabhängige Wissenschaft wurde die Theologie zur gleichen Zeit, als die Kirche sich im vollen Bewußtsein ihres Wesens, ihrer Sendung und Macht den übrigen Gebieten des Gemeinschaftslebens gegenüberstellte. Fand dieser Vorgang in so manchen Sätzen Humberts oder Gregors des Siebten seinen programmatischen Ausdruck, so die Befreiung der theologischen Wissenschaft im Satz Anselms: »Credo ut intelligam«, »ich glaube, um erkennen zu können.« Und es ist von tiefer Bedeutung, daß der gleiche Mann, der aus diesem Satz die grundlegenden Folgerungen für die Theologie zog, auch für die äußere Unabhängigkeit der Kirche kämpfte. Welche wissenschaftliche Lage traf Anselm an? Bis ins elfte Jahrhundert war die theologische Arbeit wesentlich bewahrend und überliefernd gewesen. Das überkommene Lehrgut wurde durchdacht, geordnet und weitergegeben. Betonte diese Richtung in einseitig traditionalistischer Weise die Autorität der Vergangenheit, so erwachte ihr gegenüber ein fast | ||
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