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entschieden subjektivistische Gegenrichtung, das heißt, eine Gesinnung, die für bestimmte Erkenntnisbereiche das Ziel der Gegenständlichkeit überhaupt aufgibt, z. T. sogar »Wahrheit« in ein Funktionsverhältnis zum »Leben« setzt. *1 Demgegenüber scheint der antike Erkenntniswille durch einen unmittelbaren, niemals zerstörten Zusammenhang mit der Welt bestimmt. Der Mensch, der da erkennt, fühlt sich lebendig in den Kosmos eingebaut. Dieser Einordnung sicher, gibt er seinem schauenden, deutenden, bauenden Erkenntnistrieb alle Bewegung frei. So wird es zum Beispiel möglich, daß die Philosophie in kurzer Zeit, gleichsam paradigmatisch, die verschiedenen Möglichkeiten der Problemstellung und des Lösungsversuches durchläuft. Dieses Denken ist gewiß mutig und von persönlichem Einsatz getragen, aber, im Vergleich zum neuzeitlichen Erkenntniswillen, von einem tiefen Weltordnungsgefühl behütet. Anders als beide Haltungen die mittelalterliche. In ihr finden wir den Menschen nicht in eine als Kosmos sicher durchfühlte Welt eingebaut. Er steht aber auch nicht beobachtend, analysierend, durchschauend vor einer abgelösten Gegenständlichkeit, sondern die Welt umgibt ihn geheimnisvoll und ohne jene Vertrautheit, die da sein muß, soll eigentliches Welterforschen beginnen. Als nah vertraute Wirklichkeit scheint ihm etwas anderes gegeben zu sein: seine Seele, sein heilsuchendes, menschlich-innerliches Dasein und, im Wechselverhältnis dazu, die religiöse Wirklichkeit. Diese aber in geschichtlicher Konkretion: als der lebendige Gott, in Jesus Christus geoffenbart und durch die Kirche in der Geschichte wirkend. Hier setzt der Erkenntniswille an. Und von hier aus tastet er sich in die Fülle der Weltdinge hinaus. Der Denker, in welchem der mittelalterliche Erkenntniswille seinen ersten Ausdruck gefunden hat, war Anselm von Canterbury. *1 Die Richtung auf das »Existentielle« ist hierbei noch nicht berücksichtigt. Vielleicht ist man berechtigt, in ihr eine über die »Neuzeit« bereits hinausgehende Geistesart zu erblicken. | ||
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