Romano Guardini Online Konkordanz
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Ein Gleichnis aus dem Leben der Zeit. Ein Mann hat Weinberge und braucht Arbeiter dafür. Aus seinem ganzen Verhalten sehen wir aber, daß er auch den Trieb hat, an der Ordnung der allgemeinen Dinge mitzuwirken; so widerstrebt es ihm, Leute unbeschäftigt zu sehen, und er holt sie heran. Schon früh - gemeint ist die erste Stunde nach der damaligen Tageseinteilung, also sechs Uhr morgens - geht er dorthin, wo Arbeitsuchende sich zu sammeln pflegen, und verpflichtet sie zu einem bestimmten Lohn, einem Denar. Das ist eine römische Silbermünze im Wert von siebzig bis achtzig Pfennigen alter Währung. (Allerdings muß dabei berücksichtigt werden, daß das Geld damals höheren Wert hatte.) Entweder hat er noch nicht genug Leute, oder er glaubt, nach dem Rechten sehen zu müssen; jedenfalls geht er wieder hin, um die dritte Stunde, und nimmt zum gleichen Lohn in Arbeit, wen er findet - und so fort, den ganzen Tag hindurch. Schließlich ist es die elfte Stunde, und er holt wieder, was sich angesammelt hat. Wie der Tag zu Ende ist, läßt er seinen Verwalter Abrechnung halten, aber so, daß zuerst jene entlohnt werden, die zuletzt gekommen sind und also kürzeste Arbeit getan haben. Natürlich erwarten daraufhin die Voraufgehenden mehr; so sind sie enttäuscht, ebenfalls nur den ausgemachten Lohn von einem Denar zu bekommen und geben ihrer Unzufriedenheit Ausdruck. Der Gutsherr aber antwortet ihnen, wie zu lesen steht; und da die Sache rechtlich in Ordnung ist, müssen sie sich damit abfinden. - Was das Gleichnis unmittelbar bedeutet, wird aus dem Zusammenhang klar. Die Arbeiter sind die Menschen, beziehungsweise die Völker. Der Weinberg ist die Geschichte. Die Arbeit das, was die verschiedenen Völker in ihr für das Reich Gottes zu tun haben. Und zwar sind die Frühgerufenen das Volk des Alten Bundes; die Späteren jene, die aus den Heiden kommen. Der Denar aber, der Lohn, ist der Anteil am Reiche Gottes, die Gemeinschaft der ewigen Dinge. Den Ersten nun, welche »die Last des Tages«, das heißt die Anstrengungen, Schicksale und Leiden der langen Jahrhunderte von Abraham an über den Bundesschluß am Sinai bis zu Christus

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