Romano Guardini Online Konkordanz
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Denkens, Kämpfens und auch Leidens. Wer ein Dogma auszusprechen vermag, ist die oberste Lehrautorität der Kirche: einmal das allgemeine Konzil, will sagen die Versammlung der überwiegenden Mehrheit der Bischöfe des Erdenrunds unter dem Vorsitz des Papstes; dann auch dieser allein, sobald er aus seiner Verantwortung als Haupt der Kirche in Dingen des Glaubens und der Sitte eine Entscheidung fällt, welche diese ganze Kirche verpflichtet. Damit ist das Dogma aus dem Unsinn des Tagesgebrauchs herausgerückt und als etwas bestimmt, das größtes Gewicht hat. Wohl ist es Gegenstand des Kampfes, geht es doch seinem Wesen nach aus Entscheidung hervor und fordert wiederum Entscheidung von dem, der ihm begegnet; aber eines Kampfes hoher Art, denn schon rein geistig genommen gehört es zu den geschichtlichen Erscheinungen erster Ordnung.
Vor ihm erwachen schwere Probleme. Das Dogma ist ein begrifflich geschärfter Satz – widerspricht aber ein solcher nicht dem Wesen der Religion, die doch etwas Lebendiges, ja das Lebendigste überhaupt ist? ... Das Dogma ist etwas Endgültiges, Absolutes – widerspricht das nicht dem Wesen des Menschenlebens, das sich immerfort wandelt und neue Formen annimmt? ... Das Dogma ist genau und streng – widerspricht das nicht dem Christentum, welches doch die Religion der Innerlichkeit und der Liebe ist? ... Das Dogma ist das »Gesetz des Glaubens«, weithin durch die römische Kraft der Daseinsmeisterung bestimmt – widerspricht das nicht der Gesinnung Jesu, der die Menschen zur Freiheit des Geistes und zur reinen Großmut der Liebe führen wollte?
Bevor wir einige dieser Fragen aufnehmen, wollen wir uns aber noch an etwas erinnern, das ihnen ihren Ort anweist: sie sind alle neuzeitlichen Ursprungs. Von dem Mißtrauen und der Abneigung, die sich in ihnen ausdrücken, hat das christliche Altertum nichts gewußt. Dieses hat vielmehr allen dogmatischen Problemen das brennendste Interesse entgegengebracht. Das gleiche gilt für das Mittelalter. Ja, noch für das sechzehnte und

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