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Diesem fehlt der Begriff der Natur, wie wir ihn kennen. Es weiß weder von empirisch festgestellten Energien, noch von exakten, sie bestimmenden Gesetzen. Dafür sieht es aber in jeder Weltrealität eine Dimension mehr als wir. Diese Welt ist einerseits empirisch greifbare, anderseits geheimnishaft-religiöse Wirklichkeit. Was in der Welt geschieht - astronomische und atmosphärische Vorgänge, Rhythmen der Vitalität, Ereignisse der Geschichte undsofort -, geht aus einem beständigen Miteinander und Gegeneinander religiöser Mächte hervor. Mächte und Werke finden ihren Ausdruck in den Gestalten von Göttern, Halbgöttern und dämonischen Wesen, in den Taten, welche diese vollbringen, und in den Schicksalen, die sie erfahren, den Mythen. Die Welt der Mythen wird von den verschiedenen Bedingungen des Landes, des Volkes, der Geschichte, aber auch von schöpferischen Einzelnen geformt. Ihre Vorstellungen sind in beständiger Bewegung. Dabei ordnet sich die zuerst wirre Vielfalt allmählich zu Hierarchien, die in höchsten Wesen gipfeln: Osiris, Zeus, Jupiter. Dazu kommen Quervorstellungen ethisch-metaphysischer Art, die das Ganze durchziehen: der Ordnung, der Gerechtigkeit undsofort. Aus alledem arbeitet sich die Vorstellung einer höchsten Gottheit heraus. Sie findet ihren theoretischen Ausdruck in den Begriffen, mit denen die klassische Philosophie von Parmenides bis Plotin das absolute Wesen denkt: dem reinen Sein, dem höchsten Guten, der Ursache aller Dinge, dem Nous, dem Über-Einen undsofort. Doch gelingt es ihnen nicht, die Absolutheit rein zu erfassen, denn dazu müßte das höchste Wesen aus jeder Abhängigkeit von der Welt gelöst werden. Das geschieht aber nicht, sondern die Gottheit bleibt immer mit der Welt verbunden. Die antike Vorstellung von der Welt ist also die eines religiös bestimmten Ganzen, das schlechthin alles, auch die Gottheit, umfaßt. Ihm gegenüber gibt es keine echte Transzendenz. Alle Aufstiege, von jenen der Mythen bis zu denen der Philosophie, verlaufen innerhalb des Weltganzen. | ||
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