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Dante nicht gelesen zu haben, sei beinahe eine Sünde – er sagte sogar »beinahe eine läßliche Sünde«, denn er war Moraltheologe und liebte die Präzision. Ob ich es daraufhin versucht habe, weiß ich nicht mehr; auf jeden Fall ist es mir nicht gelungen. Eines aber hatte sich festgesetzt: daß Dante da sei, und ich eine Pflicht gegen ihn hätte. Dann vergingen einige Jahre. Ich hatte mein Examen gemacht, war in der Seelsorge gewesen und befand mich wieder an der Universität, um zu promovieren. Es war in Freiburg, und das Thema meiner Dissertation war die Erlösungslehre Bonaventuras. Damals habe ich es wieder mit Dante versucht, und zwar mit der Vita Nuova, aber auch sie blieb mir verschlossen. Zu der Gewalt dieses Erlebens, die aus dem Herzen in den Geist strahlt und zugleich das ganze körperliche Sein erschüttert, fand ich keinen Zugang. Es schien mir unwirklich und darum bloß literarisch. Da lernte ich, zufällig, wie Begegnungen zu sein pflegen, einen besonderen Menschen kennen; es stellte sich Vertrauen ein, und eines Tages erzählte er von sich selbst. Ich lauschte, und innerlich ging mir auf: Das ist ja die Weise des Erlebens in der Vita Nuova! Damit will ich keinen Rang vergleichen, das wäre ein Unrecht gegen beide. Aber die Fruchtbarkeit der Erkenntnis hängt zum guten Teil davon ab, daß man lernt, durch die Ähnlichkeit des Qualitativen von einer kleineren Erscheinung her Zugang in eine größere zu finden. Nun wußte ich: Das innere Geschehen der Vita Nuova ist genaue Wahrheit, und Dantes Göttliche Komödie bleibt verschlossen, solange man das Seelenleben seines Jugendwerkes nicht begriffen hat. An jene selbst freilich kam ich doch noch nicht. Aus meiner damaligen Arbeit habe ich aber viel für das Verständnis Dantes gelernt, auf Vorrat gleichsam. Einmal, was im Mittelalter Erkenntnis heißt: nicht Forschung im modernen Sinn, sondern schauende Durchdringung der Welt und konstruktiver Aufbau des Daseinsbildes. | ||
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