Romano Guardini Online Konkordanz
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Nichts von Gott kann der Mensch einfachhin erfassen: nicht die Wahrheit (etwa in der Form von Theorie, Spekulation, Dogma), nicht die Gnade (etwa in der Form festgelegter und sicher arbeitender Sakramentik), nicht die Wirklichkeit (infolge von Mystik irgendwelcher Art), nicht die Heiligkeit (in Form von Vollkommenheitslehren und -techniken) ... Immer muß zwischen Gott und dem Menschen ein Undurchdringliches stehen, das die Direktheit bricht. Gott ist nicht gebunden, sondern ganz souverän. (Seine Wahrheit liegt nicht ablesbar im unmittelbaren Wort, sondern ereignet sich von ihm her, wenn er will, am gesprochenen und gehörten Wort usw.) Vom Menschen her ist es die Sünde, welche ihn beständig ausschaltet. Alles, was Erlösung heißt, ereignet sich in einer nicht aussagbaren Weise, nämlich der Freiheit Gottes und der Ausgeschaltetheit der menschlichen Eigeninitiative. Es ist die Weise des »Unmöglich und Trotzdem«, und das ist Gnade.
Gefahr des Katholizismus, dieses zweifellos wesentliche Moment aufzuheben: durch Dogma, Sakrament, Verdienstlehre, Autorität, Identifikation von Kirche und Reich Gottes usw. Bestreben, dadurch eine systematische Sicherheit zu erreichen. Anmaßung des Menschen und ebendadurch Unfreiheit.
Der Protestantismus will diese Gefahr, in der er das Wesen des katholischen Christentums sieht, überwinden. Dazu hebt er grundsätzlich das christliche Definitivum und die christliche Kommensurabilität auf. Alles bleibt immer in der vollkommenen Freiheit der göttlichen Entscheidung. Strenggenommen dürfte er nicht einmal von einer wirklichen Menschwerdung, einer wirklichen Offenbarung Gottes, einer wirklichen Rechtfertigung durch Christus reden, sondern nur von einer Möglichkeit dazu. Daß er es dennoch tut, aber die Konsequenzen daraus nicht zieht, ist seine Unwahrhaftigkeit. Er schafft zwei Sphären, die durch eine absolut irrationale, paradoxe Relation verbunden werden – und im übrigen durch die glückliche Inkonsequenz des Lebens.
Was bedeutet das aber als Kritik und als Aufgabe für das katholische Christentum?


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