Romano Guardini Online Konkordanz
Treffernummer:

 < Seite 128> 


Dieser Brief hat eine richtige Geschichte ... Eigentlich haben sie alle eine. Wenn ich sie hernehme, dann sehe ich, wie es hinter ihnen zurückgeht, oft durch lange Jahre. Mancherlei Erlebnisse tauchen auf, manches Antlitz schaut her, lang Geschehenes ersteht wieder. Aus einem Gewoge von Gestalten und Ereignissen, gleichgültig für den Fremden, aber bedeutungsvoll für den, der mit ihnen verbunden ist, sind sie heraufgestiegen. Dann mußte noch eine gute Stunde kommen, all das lebendig durchwirken, und endlich stand der Brief« da. Und war er geraten, so hatte er keine Nähte und war wie ein lebendiges Antlitz, in welchem jeder Zug sitzt, wie er sitzen muß. Alle diese Briefe haben ihre Geschichte. Darum geht es mit ihnen auch so langsam. Man muß warten, bis sie wachsen. Sobald man Lebendiges zwingen will, verkümmert es. Es muß Zeit haben. Und Dienst am Leben bedeutet vor allem Wartenkönnen. Freilich muß man auch wissen, wann es Zeit ist und zugreifen, denn heute ist die Frucht reif und man kann sie pflücken; morgen ist es vielleicht schon zu spät ... Solch eine Geschichte hat auch dieser Brief. Es ist nicht zufällig, daß ich gerade bei ihm auf das Warten komme und das Wachsenlassen. Denn von solchen Dingen soll er ja selbst handeln. In Niederholtorf, einem stillen Dörfchen nicht weit vom Siebengebirge, in meinem hellen Zimmer, wo wir so oft beisammen saßen, sind seine Gedanken zum ersten Male erwacht. Dann kam ein Abend in Werl in Westfalen; da wurden sie in einem Gespräche so stark, daß ich meinte, nun müsse ich sie niederschreiben, aber noch war es nicht Zeit. Sie gingen mit in das laute Berlin und wieder nach Holtorf zurück, dann nach Rothenfels

 < Seite 128>