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Zu denken, daß es etwas gibt, was geschieht, und immerfort geschieht, Tag um Tag, Jahr um Jahr, Jahrhundert um Jahrhundert! Immerfort geht das große Rauschen hin, in dessen innerster Kammer ein Donnern ist. Immerfort fällt der Schnee; immerfort baut sich der Gletscher auf; immerfort strömen aus seinen Pforten die milchweißen Rinnsale. Die Sonne stand in der Höhe, und ihre Strahlen strömten über die Hänge am Wege. Die hatten ein Grün wie lauter Edelstein. Darin waren Enziane mit ihrem finsteren Blau; glorreich leuchtende Glockenblumen; Alpenrosen, rot gehäuft und goldene Bergsterne, strahlend wie Kinder des großen Gestirns. Nun weiß ich, warum in Franz Marcs Aquarellen die Farben so von aller nächsten Gestalt gelöst sind! Wenn aus einer Ritze der Steinwand eine solche Glockenblumenfamilie herunternickt, die wie aus Seide geschnittenen Kelche ganz von blauem Leuchten gefüllt, dann bleibt die Farbe nicht mehr an die unmittelbar tragende Gestalt gebunden; sie erhebt sich, waltet frei durch den Ort, bestimmt die Formen ringsumher, Felsplatten und Lufträume, und füllt deren fremde Umrisse mit ihrer entfesselten Herrlichkeit. Die große Stille! Sie waltet feierlich durch die weiten Räume. Ganz fern rauschen die fallenden Wasser, und ihr Rauschen ist der Stille Thron. Sie ist ein Wesen, ist eine Macht, und das Herz erkennt sie. In der Frühe ging ich das Fextal hinunter, das Flußtal entlang. Ringsum hörte man keinen Laut. Nur das Wasser lief und rauschte. Rauschte - das Wort ist so schnell fertig. War nicht eine ganze Welt darin? Klänge verschiedenster Art? Höhen, Räume, Untergründe? Vielförmig und vielräumig war es. Helles, spritzendes Brausen obenauf, tiefes Rauschen darunter, ein dunkles Donnern im Innern. Da, auf einmal ... hat es nicht geläutet? Ich gehe den Weg hin, hart am Wasser. Das Wasser läuft mit ... ja doch, Glocken! Eine, noch eine, immer mehr. Helle; dunkeltiefe. Da, es ruft doch! | ||
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