Romano Guardini Online Konkordanz
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Unter der früheren Betrachtungsweise erschien die Gottheit als allmächtiges, allumfassendes, jedoch bloß wirkliches, blindnotwendiges Wesen; jetzt als absolute Idee, unendliche Bedeutungsfülle und unbedingte Geltungsmacht. *5 Als Wirklichkeit erzwang sie gleichsam physische Selbstaufgabe, die im Selbstverzicht, im Zusammenbruch des Geschöpfes vor dem übermächtigen Gott-Wesen zum letzten Ausdruck kam. Wird sie nur als höchste Idee erfaßt, wie es der abstrakte Idealismus tut, so führt sie ebenfalls zu einer Selbstaufgabe. Denn wenn der Mensch mit dem Glauben an die Gottheit als bloße absolute Idee Ernst macht, so empfindet er eine neue Tragik: Er sieht sich vor eine Forderung gestellt, die unbedingt gültig und unendlich inhaltsreich ist, aber abstrakt, kalt, hoffnungslos. Der Mensch soll die Gott-Idee ausdenken, was sein endlicher Verstand nicht vermag; muß den unendlichen Gott-Wert anerkennen, und kann ihn doch nicht ermessen, in die Gesinnung aufnehmen oder gar mit seinen schwachen Kräften in der wirklichen Ordnung zur Geltung bringen. Diese Einsicht führt zum ideellen Zusammenbruch der Persönlichkeit. Das ist die Tragik der idealistischen Weltanschauung, in ihrer Art so furchtbar wie die des naturhaften Pantheismus. Sie muß zutage treten, sobald aus dem Begriff der bloßen absoluten Idee die Folgerungen gezogen werden. Der Idealismus sucht zwar die Ferne zwischen Idee und Wirklichkeit durch den Hilfsbegriff eines unendlichen Strebens zu überwinden. Damit wird sie aber nur
*5 An sich ist natürlich eine derartige Scheidung nicht möglich. Es gibt keine »bloße Wirklichkeit«, ebensowenig wie es eine nur in sich stehende »reine Gültigkeit« gibt, die ohne Beziehung zur Wirklichkeit wäre. Vollends ein bloß wirkliches oder bloß ideelles Absolutes ist ein Unding und nur durch gewaltsames Auseinanderreißen der Merkmale zu denken. Die soeben durchgeführte Scheidung war rein methodisch, um klare Begriffe zu gewinnen. In Wahrheit ist jedes wirkliche Ding und jede wirkliche Handlung stets auf die ideelle Ordnung bezogen, von der Idee, besser von seiner Idee bestimmt. Vollends die geistige Wirklichkeit, die Seele, steht in einer besonderen, hier nicht zu erörternden Beziehung zur ideellen Ordnung. Über das Absolute siehe das folgende.

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