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im Ganzen, aber auch jedes Stück davon, bis zum kleinsten. Wir könnten nicht bestehen, wenn wir nicht jeden Augenblick anfingen. Man denkt sich das Leben gern als einen Strom, der aus der Quelle entspringt und dann, immerfort wachsend, weiterfließt, bis er im Meer endet. Das Bild ist gut, es sagt aber nur die Hälfte der Wahrheit. Das Leben entspringt nicht nur in der ersten Stunde, gleichsam ein für allemal, so daß es dann in gerader Richtung weiterginge; sondern es steigt immerfort aus der Tiefe herauf, aus dem Verborgenen ins Offene; aus dem, was noch nicht ist, ins Wirkliche. Das klingt vielleicht seltsam; aber denken wir einmal nach. Erleben wir es nicht jeden Morgen? Das Aufwachen geht ja doch nicht einfach aus dem Schlaf hervor, sondern eine Merkwürdigkeit ereignet sich: etwas beginnt. Der Mensch schlägt die Augen auf, und nun ist er da. Man sagt ja wohl, wenn man nach dem Schlaf noch benommen ist: "Ich bin noch nicht richtig da." Schlafend war man anderswo, weg, in der Tiefe; aufwachend kommt man herauf, und ist nun gegenwärtig. Mit jedem Erwachen beginnt etwas Neues; ein Tag, der noch nie war. Wir vergessen das leicht. Wir sagen: drei Tage, zwanzig, hundert Tage, als ob es gleichmäßige Zeitmünzen wären, die man beliebig zählen kann; in Wahrheit gibt es jeden Tag nur einmal. In Wahrheit geht das Zählen nur auf der Oberfläche; den Kern zählen wir nicht. Denn es ist ja ein Lebenstag, mein Lebenstag, deiner, und eines jeden | ||
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