Romano Guardini Online Konkordanz
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des warm empfindenden Menschen an jene, die ihm teuer waren; nichts Individuelles, das mit der Kultur des Herzens oder der Treue des Charakters zusammenhinge, sondern etwas viel Elementareres: die Verbundenheit des Menschen aus dem Hellen ins Dunkle; aus dem Raum der Dinge und der Geschichte in die Stille des Geheimnisses; aus der blutdurchströmten, fühlenden irdischen Lebendigkeit in den Bereich des Todes hinüber ... Diese Verbundenheit zu haben steht nicht beim einzelnen, sondern hängt davon ab, wieweit er noch in den ursprünglichen Ordnungen des Daseins lebt - und wir wollen nicht vergessen, daß sie, die dem Dasein eine solche Tiefe gibt, dieses Dasein auch bedrohen kann; hat es doch Zeiten gegeben, in denen für das Bewußtsein des Menschen die Toten mächtiger waren als die Lebendigen ... Dieser Zusammenhang mit dem Reich der Toten eignet nicht nur dem Christentum, sondern gehört zum Menschenwesen überhaupt - er aber ist es, der auf dem Grunde der Beziehung zu den Armen Seelen liegt, und die Toten'so unmittelbar ins Gefühl hebt. Der Gebildete hat ihn verloren; so sind ihm die Toten nicht unmittelbar wirklich. In ihm antwortet nichts unmittelbar auf ihr Dasein. Sein Verhältnis zu ihnen wird vom Herzen und vom Geiste, nicht von den Urgründen der Seele her bestimmt. Das Sterben ist für ihn ein biologischer und personaler Vorgang, vor dem er glaubt, er kenne ihn; so ist sein Verhältnis zu den Toten im Wesentlichen kein religiöses, sondern ein geistigsittliches. Darum spricht der Gedanke der »Armen Seelen« ihn nicht unmittelbar an, und die Sorge für sie mitsamt den Bildern und Bräuchen, die sich um sie sammeln, empfindet er leicht als etwas Fremdartiges.
Etwas weiteres kommt hinzu: Die Beziehungen zu den Toten waren immer auch der Raum, in welchem Empfindungen unmittelbar vitaler und zuweilen dunkler Art hochkamen. Der Tod ist nicht nur schwer und erhaben, sondern ruft auch das Zerstörende im Menschen an. In der Trauer lebt auch viel Dunkles; und vor den Leiden des jenseits regt sich nicht nur reines Mitgefühl, sondern auch Grausamkeit. Davon ist manches

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