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102. Brief vom 04.11.1927, Potsdam Potsdam 4.11.27 Halb zwölf nachts. Lieber Joseph es ist ganz still. Nur drunten auf der Leipzigerstraße - die wirklich von Potsdam nach Leipzig führt - kommt hin und wieder ein Auto vorbei. Auch das Häuschen ist ganz still, und ich wollte, Du wärest da. Aber ich denke, in zwei Monaten bist Du es wirklich, und freue mich darauf. Eigentlich ist das Häuschen von Büchern bewohnt; aber es ist auch für einige Leute noch Platz dabei. Es ist mir ein lieber Gedanke, daß Frau Idamaria*817 bei Dir ist. Ob es wohl gut geht? Und Du allmählich ins Arbeiten kommst? Wir, d. h. in diesem Falle Frau Kempner*818 und ich, sind kräftig am Planen. Das Haus in der Sophienstraße wird demnächst frei.*819 Dann 817 Idamaria (meist: Idamarie) Solltmann, geb. Bernhardt-Grisson (8.9.1889, Potsdam, bis 19.2.1980, Kloster Dinklage), Studium der Philologie in Genf, Berlin, Göttingen. 1914 verheiratet mit Dr. Kurt Solltmann (gefallen drei Wochen später bei Namur als Soldat). Weiterstudium in Göttingen, Promotion. Durch Anregung von Alice Salomon von 1917-1921 in der Prostituiertenfürsorge in Berlin tätig. Dozentin an der Sozialen Frauenschule in Berlin. 1921-1927 Leiterin des Wohlfahrtsamtes in Guben. 1922 Konversion zu kath. Kirche. 1927 Dozentin. 1941-1955 Leiterin der Westfälischen Wohlfahrtsschule in Münster. Mitarbeiterin in der kath. Mädchenzeitschrift Der Ring und in den Schildgenossen; schrieb den ersten Beitrag (»Alles ist euer, ihr aber seid Christi«) in der Fs zu Guardinis 50. Geburtstag Christliche Verwirklichung, hg. v. Karlheinz Schmidthüs, Rothenfels (Burgverlag) 1935, 9-14. 818 Fanny Kempner, geb. Levy (14.4.1860, Köln, bis April 1937, Berlin), Konvertitin vom Judentum zur katholischen Kirche, Witwe des Geheimen Justizrates Maximilian Kempner (3.6.1854, Posen, bis 11.5.1927, Amsterdam), hatte 1921 eine mehr als 7.500 Quadratmeter große Liegenschaft an der Sophienstraße 5-7 erworben. Dort ließ sie 1921-23 durch Mies van der Rohe ein großzügiges Wohnhaus errichten. Sie war befreundet mit dem Maler Jan Veth und dem Dirigenten Felix Weingartner. Das »Haus Kempner« gehörte zu den ersten repräsentativen Adressen in Berlin. Fanny Kempner konvertierte bei Guardini und lud in ihr Haus für einen Winter einen ausgewählten Kreis ein, darunter den Kultusminister Carl Heinrich Becker, wobei Guardini seine Deutungen der religiösen Existenz bei Dostojewskij vortrug (Gerner II, 91). - Fanny Kempner ließ sich 1933 auf den Namen Franziska (von Chantal) in Mooshausen durch Weiger taufen. Guardini widmete ihr das Buch: In Spiegel und Gleichnis. Bilder und Gedanken. Frau Fanny Kempner zu eigen, Mainz (Grünewald) 1932. - Das Haus Kempner wurde im II. Weltkrieg zerstört und die baulichen Reste 1952 abgetragen; das Grundstück ist heute unter Bellstr. 10/14 verzeichnet. 819 In der Sophienstraße 4/5 in Charlottenburg stellte Fanny Kempner Guardini ein »altes Stallgebäude, alten Berliner Stils« zum Ausbau zur Verfügung; Guardini bat den Architekten Rudolf Schwarz, den er von Burg Rothenfels her kannte, den Umbau zu übernehmen (Brief an Rudolf Schwarz vom 11.1.1928, Archiv Maria Schwarz). Im Oktober 1928 war der Umbau fertig; Guardini zog von dort jedoch wegen Spannungen mit Fanny Kempner bereits 1930 aus; vgl. Br. 138. | ||
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