Romano Guardini Online Konkordanz
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Der eigentliche Grund, warum ich schreibe, ist aber das Nahen des St. Josephitages*1203, wie sie im Bayrischen sagen. Zu selbigem Tag laß Dir alles Schöne, Erfreuliche und Nützliche wünschen, für Leib und Gemüt und geistiges Leben. Ich freue mich, daß Du Dich in Deinem neuen Lebenstatus so wohl fühlst.*1204 Sollst ihn lange mit jeglichem Behagen genießen!
Ich hatte auch die Absicht, mich emeritieren zu lassen. Mit 72 hätte ich alles Recht dazu. Im Allgemeinen erfolgt die Emeritierung ja im 67. Jahr. Dann kamen allerlei Erwägungen; vor allem die, daß der Lehrstuhl ja nach mir nicht mehr besetzt wird, und dann, wie die Dinge nun einmal stehen, diese Dinge nicht mehr behandelt werden. Es ist doch sehr bezeichnend für die »Verwissenschaftlichung« unserer Theologie, daß die Fakultät in dieser Beziehung im Raum der Universität nicht zu ­spüren ist. So mache ich also die Sache weiter - aber mit Einschränkungen*1205 - so lange es geht.
Nun laß Dich vielmals grüßen und beatus Josephus benigne te aspiciat.*1206
Romano


214.
Brief vom 31.03.1957, Bad Kohlgrub.
Bad Kohlgrub 31.3.57
Lieber Josef,
ich bin noch hier. Der Arzt hat mir geraten, eine Woche zuzusetzen. Es melden sich so manche Dinge, welche die Algebra des Lebens bestätigen, und man probiert, was zu machen ist.
Ich lebe ganz für mich; das Nicht-Reden tut auch gut. Lese manches, feile ein bischen an Mörikeinterpretationen*1207 herum, die mich seit einiger Zeit beschäftigen. Interpretieren ist schön.

1203 19. März.
1204 Weiger wurde 1957 nach 40 Jahren Dienst in Mooshausen pensioniert.
1205 Guardini kündigte im SS 1957 nur noch eine Vorlesung an: Struktur und Ethos der christlichen Existenz, Mittwoch 18-19 Uhr (M 1181).
1206 »Der heilige Joseph betrachte Dich gütig.«
1207 Gegenwart und Geheimnis. Eine Auslegung von fünf Gedichten Eduard Mörikes. Mit einigen Bemerkungen über das Interpretieren, Würzburg (Werkbund) 1957 (M 1148).

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