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des Films beunruhigt. Sie wird dadurch gestützt, daß der Film sehr früh zu einer Massenangelegenheit geworden ist. Das Drama, dem er ja als Schauspiel ähnelt, ist aus einem sehr exklusiven Ursprungsbereich, nämlich dem Kult, hervorgegangen; es hat eine alte, an großen Erscheinungen reiche Geschichte und bleibt auch nach seiner Übersiedlung ins weltliche Theater noch für lange Zeit mit der gesellschaftlichen Oberschicht verbunden; der Film hingegen ist ein »Emporkömmling« und steht von vornherein im Raum der großen Menge. Sehr früh sehen Technik und Kommerz, daß es sich um etwas handelt, das auf überall wirksame Instinkte antwortet und daher die größten Möglichkeiten enthält. Dazu kommen dann bald Gesichtspunkte der Werbung und der politischen Propaganda - das heißt die Chance, mit diesem Instrument auf die Massen zu wirken. Der Film hat denn auch sehr bald jeden Anspruch auf Maß und Zurückhaltung weggetan und sich der großen Zahl verschrieben: viele Aufführungen, täglich, nein mehrmals am Tag; viele Kinos, in allen Größen und Qualitäten; riesige Kapitalien; eine ganze Welt von Personen und Organisationen, Apparaturen und Techniken. Als Folge davon eine massenhafte Produktion, mit all den Wirkungen einer solchen. So mußte bei Menschen mit Kulturanspruch das Gefühl entstehen, im Film habe man es mit einer Sache zu tun, die keine besondere Achtung verdiene. Das zeigt sich auch in untrüglichen Symptomen. Während das Theater vom Besucher Form verlangt - eine gewähltere Kleidung, eine irgendwie festliche Haltung -, fühlt der Besucher des Kinos sich von derartigen Verpflichtungen frei: er kommt im Straßenanzug; behält nicht selten beim Eintreten den Hut auf dem Kopf; in romanischen Ländern raucht er bei der Darbietung und so weiter. Hier zeigt sich eine Geringschätzung, die nicht aus Prinzipien und Absichten, sondern aus der Sicherheit unwillkürlicher Rangempfindung kommt. | ||
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