Romano Guardini Online Konkordanz
Treffernummer:

 < Seite 168> 


nicht etwa nur mäßig bemittelt! - ist Unseligkeit! Nichts kann so stumpf machen, wie die Sorge. Nichts kann so begehrlich machen und die Bedeutung der Dinge so über alles Maß steigern, wie die Entbehrung. Armut kann alles Zarte zertreten, jede Schranke niederreißen, den Menschen in jeder Weise preisgeben. Armut ist Unseligkeit. Jedes natürliche Empfinden spricht so. Wer aber anders spricht, ist entweder reich und spürt aus seinem Überfluß heraus ein Verlangen nach Herberem; oder er will sich interessant machen; oder aber er ist selbst arm und steht im Ressentiment gegen das, was ihm versagt bleibt.
Das natürliche Empfinden sagt: Es ist schön, froh zu sein. Die Freudigkeit macht alles blühen. Sie ist wie die Sonne. In ihrem hellen Licht drängt alles hervor, was im Menschen gut und schaffend ist. Sie macht leicht, überwindungsstark, gut. Traurigkeit aber belädt mit Last und hüllt in Dunkel. Welches natürliche Empfinden kann sagen, daß Leid selig sei? Keiner, der wirklich Leid trägt, spricht so. Er wird es so tapfer als möglich tragen, weil es nun einmal getragen werden muß. Er wird es als Preis für etwas erkennen, was damit bezahlt werden muß - und das Bitterste ist schon weg, wenn man weiß, wofür der Preis ist. Doch er wird es nicht »selig« nennen. Wer aber selbst kein Leid erfahren, hat kein Recht, darüber zu reden.
Das natürliche Empfinden sagt: Es ist schön und selig, für eine der Ehre würdige Botschaft, für ein recht getanes Werk offene Herzen zu finden. Wenn einer die Botschaft bringt, und ein Anderer sie werthält - die beiden zusammen sind mehr als Zwei, denn sie sind schöpferisch. Gewiß gibt es Mißverständnisse, tragische Verwicklungen, den Widerstand gegen das Edle. Jeder reine Wille muß auf Verfolgung gefaßt sein und kann darin stark und selbstlos werden. Dennoch ist nichts seliger, als die Gemeinschaft im Guten. Niemals kann es von der natürlichen Ordnung der Dinge her selig sein, verfolgt zu werden. Am allerwenigsten »um der Gerechtigkeit willen«, weil stumpfer Sinn, Trägheit des Herzens, Neid

 < Seite 168>