Romano Guardini Online Konkordanz
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geht der Einzelne so ganz auf, daß lange Zeit hindurch das Bewußtsein des Fortlebens im heiligen Volke sogar an die Stelle des Glaubens an eine eigentliche persönliche Existenz nach dem Tode tritt. Während aber die Propheten nur das Schicksal des Volkes als solchem im Auge haben, erscheint in den Psalmen auch der einzelne Mensch, wie er innerhalb dieses Volksdaseins, hoffend und fürchtend, in Freude und Leid, in Kampf oder stiller Meditation, auch sein persönliches Leben führt.
Im Leben des alttestamentlichen Gläubigen hatten die Psalmen eine große Bedeutung. Auf ihnen baute sich zum guten Teil der Gottesdienst auf. Sie erschollen bei den verschiedenen Feiern, welche das Jahr durchzogen; ja manche, wie etwa 117 oder 121, lassen geradezu den heiligen Vorgang erkennen. Sicher sind sie auch vom Einzelnen als Ausdruck persönlichen Betens gesprochen worden, und wir mögen uns den Gedanken nahekommen lassen, daß die Ahnen und Verwandten Jesu religiös aus den Psalmen gelebt haben. So ist das Lied, das Maria gesprochen hat, als sie, vom Heiligen Geist erfüllt, mit ihrer begnadeten Base Elisabeth zusammentraf, das Magnificat (Lk 1,46–55), ganz aus der Substanz der Psalmen erwachsen. Aber auch Jesus selbst hat sie gebeten; und eines seiner letzten Worte am Kreuz; Mt 27,46, stammt aus dem einundzwanzigsten Psalm.
Nach dem Pfingstfest beginnt die Kirche Christi ihr Leben. Der Heilige Geist, dem der Herr das Seinige anvertraut hat, auf daß er „es nehme und den Glaubenden gebe“ (Joh 16,14), nimmt auch die Schriften des Alten Bundes, mit ihnen die Psalmen, und macht sie zur Substanz des Gebetes der Kirche. Dieser Vorgang hat seine Geschichte. Wie es scheint, ist in der ersten Zeit eine reiche Fülle von christlichen Hymnen entstanden, welche aus dem Erlebnis der Erlösungsgeschehnisse heraus Gott priesen. Diese Hymnen sind in der Hauptsache verloren; ein großer Verlust, denn sie müssen herrlich gewesen sein, christliche Psalmen sozusagen, von einer Ergriffenheit des Herzens

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