Romano Guardini Online Konkordanz
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ordnen, aber auch eine letzte Vergeblichkeit. Es macht den Eindruck, als ob der Mensch immerfort suche und nie wirklich finde. Er ahnt, erfaßt und verliert wieder. Wahres verbindet sich mit Falschem, Tiefsinniges mit Törichtem, Reines und Schönes mit Häßlichem und Widerwärtigem. Wenn Gott nicht nur ein Etwas ist, sondern ein Jemand, nicht nur der Geheimnisgrund der Welt, sondern ihr heilig-freier Schöpfer und Herr; wenn dieser Gott wollte, daß wir von Ihm erführen, dann mußte er mehr von sich sagen, als die Welt kundtut; und Er mußte in einer Weise reden, die den Geist zur Klarheit und den Willen vor die letzte Entscheidung führt. Diese Offenbarung mußte den Menschen aus der eigenen Verfangenheit herausheben. Sie mußte ihm den Gott zeigen, von dem er durch sich selbst nicht weiß – dazu mußte sie ihn aber in den Stand setzen, Gott mit den Augen Gottes zu sehen. Das wiederum war nur möglich, wenn er mit den gleichen Augen sich selbst sah und umkehrte und ein anderer wurde.

II.
Wie ist diese Offenbarung vor sich gegangen? Schicken wir eine Frage voraus, die den eigentlichen Raum schaffen soll: Wie müßte unseren Begriffen nach eine solche Offenbarung vor sich gehen?
Wahrscheinlich so, daß Gott innerlich zu uns Menschen redete; zu jedem nach dessen Art. Er müßte sich im Tiefsten unseres Wesens bezeugen, damit wir inne würden: »Das ist Gott, und so ist Er!« Er müßte seine Wahrheit in unseren Geist einstrahlen, damit wir volle Gewißheit bekämen; unser Herz mit seiner heiligen Lebendigkeit berühren, damit wir ihn lieben lernten; unseren Willen über das Gute und Rechte belehren, damit wir den Weg fänden, ohne auf andere angewiesen zu sein. Was wir so erführen, bliebe zwar unaussprechbar; da aber jeder Mensch erleuchtet wäre, stünden alle untereinander in tiefem Einvernehmen.

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