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Herzblut der Kirche leben, aber als freier, selbständiger Mensch, so wie Gott mich schuf. Und mir scheint, hier kann ich Anker werfen. Weißt Du, mir scheint, eine tiefe Verwandtschaft besteht zwischen St. Benedikt, Thomas, Goethe, Newman, Lucie Christine. Sie alle dem Wirklichen zugewandt, abhold allem Extremen, aller Überspannung, sie alle voll tiefer Ehrfurcht vor dem Mysterium, seis des Lebens, seis der Kunst, seis der Religion. Sie alle dadurch Antithetiker, behutsam, nichts zu knicken oder zu vergewaltigen, weit, frei, voll unendlicher Möglichkeiten und allen Möglichkeiten offen. Sie alle schlicht, Menschen des »Alltags«, aber darin groß und tief. Sie alle mit Höchstem im Sinn, aber echte Realisten, klar im Geist und warm im Herzen. Nicht in den Himmel steuern wollen sie, aber hineinwachsen, sachte, still .... Feine Versteher sinds, voll leis lächelnder Duldung für die endlosen Armseligkeiten des Lebens. Menschen nicht des Kampfes, aber stillen Bauens. Sie fühlen die rinnende Vergänglichkeit des Daseins; sie alle kennen den Ton des Predigers und des Buches der Weisheit, und doch sinds Optimisten, durch und durch, Menschen der Hoffnung. Das heißt Klassik! Klassiker des regimen animae*387 St. Benedikt, des Gedankens Thomas, der Kunst, der Natur, des Welttums Goethe, des Historischen und Psychologischen Newman, der Mystik L. Christine. Wie froh bin ich um all das. Freuts dich auch, Lieber? Und gestern - heut wurde mir eine Idee klar, an der ich zu innerst alles messe, die ich auch aus jenen fünf großen Menschen hervorleuchten sehe: die des Natürlichen. Laß mich Dir sagen, wie ichs meine. Darunter versteh ich nicht den Gegensatz zur Übernatur, sondern die Verneinung jeglicher Unnatur. Natur und Übernatur soll »natürlich« sein, gesund, frei, klar, echt, wahr. Alles was Überspannung, Druck, Unnatur, Künstelei, Sentimentalität, Fanatismus, Enge, Unfreiheit heißt, ist damit abgelehnt. So recht ein Ton aus dem Herzen Christi und aus dem Wesen des Katholizismus mit seiner Weltenweite, scheint mir das Wort. Weißt Du, daß ich von ihm geleitet, zum erstenmal vorgestern mit eigenem Auge einen Blick zum Heiland tat? Er ist der ganz Natürliche, dem Natur und Übernatur reines Leben, reines Dasein waren; der das Schwerste litt, aber in Freiheit; in dem unendliche Polweiten liegen, aber ganz einfach, kristallklar, aber unergründlich tief, ein reiner starker, gesunder Ton ... merkst Du was ich meine? Ich weiß, es wird noch viel anderes in ihm sein, aber das ists, was mir am meisten sagt. Ich bitte Dich herzlich, sag mir etwas über den Heiland, wie Du ihn siehst. Der eine Satz Deines letzten Briefes hat mir viel gegeben. Willst Du? 387 Seelenführung. | ||
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