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was ja wohl mit dem Begriff der „Entwicklung“ ausgedrückt wird. Danach führen sehr kleine Übergänge von einer Erscheinungsform zur anderen, so daß der Eindruck eines geschlossenen Gesamtzuges entsteht – welcher Eindruck dann freilich in Zeiten der Wende aufgehoben und von dem des plötzlichen Durchbruchs verdrängt wird. Ich vermute aber, daß die Phänomene, um die es sich hier handelt, nicht von einander abgeleitet werden können; so werde ich ihrer am ehesten habhaft werden, wenn ich nicht nach den Übergangsstellen, sondern nach den Gipfelungspunkten suche, und dann Spitze mit Spitze vergleiche. Je entfernter diese von einander abliegen, desto deutlicher heben sie ihr Eigenwesen ab. Stehen der Christus von Monreale und der ebenfalls mächtig an der Altarwand einer Kirche erscheinende Richter vom jüngsten Gericht der Sixtinischen Kapelle auf einer Linie? Führt ein fortgehender Weg von der Madonna in Torcello zur Assunta des Tizian? Haben die Gestalten auf den Längsfriesen in Sant’ Apollinare in Classe die gleiche Wesensart wie jene auf Raffaels Disputa oder Dürers Allerheiligenbild? Sind das, was die beiden Gruppen trennt, bloß Unterschiede fortgeschrittener Zeit, entwickelterer Kultur, beweglicheren Fühlens, oder kommt in ihnen – die Gemeinsamkeit des christlichen Glaubens vorgegeben – wesentlich Verschiedenes zum Ausdruck? Die Antwort müßte eigentlich in einer sehr eindringenden und weit verzweigten Untersuchung bestehen – schon deshalb, weil sich von hier aus die verschiedensten Fragen des religiösen Daseins, seiner Metaphysik, Psychologie und Soziologie und sofort aufrollen. An dergleichen kann ich hier natürlich nicht denken. Erlauben Sie mir also, es so zu machen, wie man sich wohl zu Hause auf einem Blatt Papier eine verworrene Frage zu klären sucht: man stellt letzte Orientierungspunkte heraus, betont die Gegensätze möglichst schroff und führt das Besondere bis zum Äußersten durch. Was dann herauskommt, ist zwar überall falsch, klärt aber den Blick. | ||
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