Romano Guardini Online Konkordanz
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Vorher war er in die Natur eingespannt; nun steht er schon an vielen Stellen über ihr und wird es immer mehr tun. Vorher mußte er mit seinen Kräften mühsam den Weisungen der Natur folgen, immer unter der Gefahr, Unvorhergesehenes könne eintreten; nun ist er bereits in vielem ihr Herr und wird es immer mehr, berechnet, ordnet an und verfügt über die gewünschten Ergebnisse. Dadurch wird sich die Weise, wie er sein eigenes Sein, seine Stellung in der Welt erfährt und vollzieht, aus tiefste ändern.
2. Vor allem wird er ein Gefühl unabsehlicher Macht gewinnen. Er wird sich im Stande fühlen, die Natur, der er bis dahin untertan war, zu beherrschen; und das in immer genauerer, selbstverständlicherer, leichterer Weise. Wird das immer sicherere Bewußtsein gewinnen, was ihm vorher durch die Natur »gewährt« wurde, sich »nehmen«, ja es selbst »machen« zu können. Durch die wissenschaftliche Erkenntnis des Naturbestandes und seiner Gesetze wird er das Gefühl gewinnen, die Natur sei nicht geheimnisvoller Urbereich, in dem er sich ehrfurchtsvoll zu bewegen habe, sondern Vorrat an Materialien und Energien, die er immer vollständiger in Verfügung nimmt.
Ebendamit wird sich freilich ein Zweites verbinden. Das Dienstverhältnis, in welchem er zur Natur stand, bedeutete auch, daß er in ihr geborgen war; die Herrin war auch Schützerin. Sein Leben war durch ihre Gesetze geordnet; durch ihre Schranken in den Maßen eines Möglichen gehalten. Das änderte sich, denn was auf der einen Seite Freiheit war, wurde auf der anderen zur Preisgegebenheit. Einmal deshalb, weil die möglich werdenden Unternehmungen immer größeres Wagnis bedeuteten; dann aber und vor allem, weil dem Menschen existentiell, in seinem Gefühl des Daseins, Selbstseins, Tätigseins jener Halt, jenes Bewußtsein des Geordneten und Gemäßen verloren ging, das sich im Begriff des »Natürlichen« ausdrückt. Sein Dasein wurde weithin beliebig, in einem

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