Romano Guardini Online Konkordanz
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die um so größer wird, je höher dieses Werk steigt. Das offenbart sich in mythischen Gestalten wie in der des Prometheus. Er erscheint als Kulturträger einfachhin; erleidet aber ein Schicksal, das nicht nur tragisch ist, sondern auch den Charakter der Schuld hat. Auch dürfte der Begriff des Prometheischen, der dem neuzeitlichen Menschen so bedeutungsvoll ist, nicht ursprünglich sein. Für den Griechen war der Räuber des Feuers doch wohl ein Ruchloser.
Das Bewußtsein von der Zweideutigkeit der Kultur gehört zu ihrem Wesen. Am schwächsten scheint es dort zu sein, wo der Mensch sich aus bedrängenden Naturgefahren herausarbeiten muß. Es wächst mit der Sicherheit seiner Position. Sobald die Kultur sehr reich wird, verdichtet es sich bis zum Angriff gegen sie und ruft zur Rückkehr in die »Natur« - eine Forderung, die freilich nicht erfüllt werden kann, da es in der Geschichte kein Zurück gibt.
Heute steht es so, daß dem Menschen Naturkräfte von ungemessener Größe in die Hand kommen, und er zu Werken ansetzt, die noch vor kurzem nur als Utopien gedacht werden konnten. Eben dieser Mensch fühlt aber auch eine Besorgnis und eine Gewissensbedrängnis wie noch kaum zuvor.

Der kulturschaffende Vorgang
Der Kern des Vorgangs, aus welchem Kultur hervorgeht, besteht aus zwei Momenten, die nicht mehr auf einander zurückgeführt werden können, sich aber wechselseitig bedingen.
Das erste ist jener Akt, in welchem der Mensch aus dem Naturzusammenhang hinaustritt und zum naturhaft Gegebenen Abstand nimmt. Es bedeutet etwas anderes, als wenn der Raubvogel aufsteigt, um das Feld überblicken zu können, auf welchem sich das Beutetier bewegt. Dieser Abstand liegt innerhalb des Naturzusammenhangs; jener aber, von dem

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