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Mittwoch, 10.6.53 Das Ethikkolleg ist auch in diesem Semester noch so besucht wie früher. Jetzt das sechste, und immer mehr als 650 Hörer – denn so viele Sitze sinds, und es stehen immer welche. Heute, im Kolleg, beim Sprechen über den neuzeitlichen Naturbegriff und seinen Wandel kam mir eine wichtige Einsicht – wenigstens scheint es mir so. Im Lauf der Neuzeit wird die Natur zum göttlichen All ... Sie sorgt, sie will, sie hat Weisheit und Macht. Sie hat eine Art Subjektivität ... Der Mensch ehrt sie, vertraut ihr ... Das ändert sich. Der kommende – und schon der heutige – Mensch nimmt sie nur als Objekt, als Werkraum und Werkstoff. Für diese »Sachlichkeit« übt sie – Gott – furchtbare Vergeltung. Darin dämonisiert sie sich. Die Atombombe ist selbst schon die Rache ... Der Mensch verfällt ihr in einer neuen Weise. Freitag, 12. Juni 53 Gestern Jahresversammlung der Akademie. Preetorius Nachfolger von Hausenstein als Präsident. Ich mußte immer wieder daran denken, daß ich es hätte sein können, der dastand. Aber ich war froh, daß ich es nicht war. Adorno hat im »Merkur« einen Aufsatz über den Jazz veröffentlicht, in dem allerlei Gescheites steht. Aber man ist froh, wenn man durchgekommen ist. Es ist wie ein beständiges Dröhnen; eine Monotonie der Kritik aus einer bitteren Überlegenheit. Seine »Minima moralia« sind geradeso. Was man mir über seine Figur und sein Schicksal gesagt hat, macht es verständlich. Ob er aber weiß, wie sehr er sich decouvriert? Fakultätssitzung: 30 oder mehr Professoren, also der These nach Männer des Geistes. Ich habe noch nie eine Sitzung erlebt, in welcher der Dekan hätte mahnen müssen, sich nicht in eine geistige Frage zu verlieren. Sicher sind die Sitzungen nötig. Man geht aber mit dem Gefühl des Zeitverlustes weg. | ||
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