Romano Guardini Online Konkordanz
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auch das deutsche Volk; und es hat dazu das gleiche Recht – und Nicht-Recht – wie die anderen.
Ich bin gerade dabei, Alan Bullocks Buch über Hitler zu lesen. *1 Über die einzelnen Tatsachen kann ich nicht urteilen; bin auch nicht Historiker genug, um sagen zu können, wieweit die Zusammenhänge richtig gesehen sind. Auf jeden Fall ist die Haltung des Buches von vorbildlicher Ruhe und zeigt den Wunsch, nur zu sagen, was wirklich war und geschehen ist. Dennoch muß ich sagen, daß das, was im Anfang der dreißiger Jahre begann, in dem Grauen von 1945 endete; dessen Nachwirkungen bestimmen ja die ganze Gegenwart; es war Wirklichkeit – das Buch aber läßt davon nichts spüren. Wenn ein Deutscher es liest, dann sagt er sich: Wenn alles nur so war, wie es da geschildert wird, dann ist nicht einzusehen, wieso die Dinge einen solchen Tiefgang, eine solche Wucht und eine solche Zerstörungskraft gewinnen konnten. Man kann doch nicht sagen, alle Deutschen seien Narren oder Verbrecher, nicht wahr?
Das war im geistigen Kampf von Krieg und unmittelbarem Nachkrieg schließlich noch verständlich, aber doch nicht jetzt, weil es einfach Unsinn wäre – vom Pharisäertum einer solchen Haltung zu schweigen. Im Bilde Bullocks stimmt etwas nicht. In ihm fehlt etwas. Er macht es ähnlich, wie wenn man ein Ding, das drei Dimensionen hat, auf zwei reduziert; oder wenn man einen menschlichen Vorgang, der nicht nur aus physiologischen, sondern auch aus psychologischen und spirituellen Elementen besteht, nur aus Biologischem heraus verstehen wollte.
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Was ich meine, möchte ich folgendermaßen ausdrücken und hoffe, daß es weder phantastisch noch anmaßend klingt. Wenn ein Europäer – und unter den Europäern in besonderer Weise
1* Hitler. A Study in Tyranny, übers. von W. u. M. Pferdekamp, 1953.


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