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Allerdings, ich muß mir selbst einwenden, daß es auch bei Shakespeare Stellen gibt, in denen das Problematische selbst vordringt; in der Person Hamlets wird es ja zur Gestalt. Darüber wäre aber genauer nachzudenken. Denn diese Fraglichkeit scheint mir von anderer Art zu sein als die moderne; näher zum Wirklichen hin; zum Gang der Geschichte; zum Wesen dessen, was Sein und Schicksal heißt. Doch soll das auf sich beruhen bleiben... Der "Kaufmann von Venedig" jedenfalls ist von wunderbarer Sicherheit. Seine Aufführung kann gar nicht einfach und schön genug gestaltet werden. Das Werk kommt aus einem reinen Gleichgewicht, und die Freudigkeit der Komödie gewinnt in ihm den Adel hohen Stils. Seine Farben leuchten, wie nur noch die von "Romeo und Julia". Und wie ebenfalls nur in der Tragödie von Verona wird jene Eigenschaft fühlbar, die außer Shakespeare nur noch Dante besitzt: die Süße, die aus der Weltmächtigkeit kommt. So ist auch Shylock keine Problemfigur. Bei ihm geht es nicht - wie uns gestern nahegelegt wurde - um die Tragik des außerhalb der gesellschaftlichen Ordnungen stehenden Menschen; um seine Not, die sich zur Bosheit vergiftet. Diesen Charakter hat erst das neunzehnte Jahrhundert hineingebracht; in Wahrheit liegt seine Bedeutung anderswo. Ist Ihnen eigentlich schon zu Bewußtsein gekommen, wie das Stück heißt? "Der Kaufmann von Venedig"? Ich habe es erst gestern gemerkt. In seiner Mitte steht also Antonio; denn wenn Shakespeare einen Namen über ein Drama setzt, sagt das etwas. Dadurch ist man zunächst überrascht. Antonios Persönlichkeit ist so geartet, daß man sie leicht übersieht. Doch würde man es sofort bemerken, wenn sie weggenommen würde; und nicht nur, weil Bassanio dann niemanden mehr hätte, der ihm Geld für seine Reise nach Belmont liehe, und Shylock keinen Anlaß, sich in seinen Geschäften behindert zu fühlen. Er ist eine ganz stille Gestalt, die als solche kaum hervortritt, um die aber in Wahrheit alles kreist; und sie wird immer schöner und tiefer, je genauer man sie ins Auge faßt. | ||
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