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Das Land, vor langer Zeit von Menschenhand bepflanzt, schien wieder in die Natur zurückgekehrt. Überall standen Ölbäume mit ihren schmalen, silbrigen Blättern. Ihre Stämme, phantastisch gekrümmt, waren oft so abgezehrt, daß man nicht wußte, wie sie noch standen und lebten. Der Boden war verbrannt, aber blühender Thymian bedeckte ihn. Die Luft zitterte von Hitze. Die Zikaden schrillten ihren Ton, den man nach einiger Zeit überhaupt nicht mehr vernimmt, weil er mit allem verschmilzt, was ringsum webt. Vom See her kam ein leiser Wind und trug Kühle, vom Duft des Thymians gewürzt, durch den hell-heißen Raum. Vorn aber, an der Spitze der Landzunge, ragten die Trümmer der mächtigen Mauern, auf denen einst Catull seine Villa gebaut hatte. Von ihnen sah man auf die zarten Gestalten der Berge hinüber und auf das Wasser hinab, das klar, wie ein noch nicht berührtes Element, in der Tiefe lag. Da war es wohl seltsam, wie meinem Gefährten und mir im gleichen Augenblick der Gedanke an jenes kam, das doch ein Letztes ist: an Griechenland. Auf einmal stand es da, in seinem Licht und mit seinen verbrannten Bergen, und der Thymian duftete darüber hin. Es gibt Stunden, in denen die Natur wie neu hervorzugehen scheint. Heute war es so. Am Vormittag hatte es geregnet, und es war mir leicht geworden, bei den Büchern zu bleiben. Am Nachmittag stand alles in reiner Klarheit. Die Bäume waren leuchtend grün, und so oft der Blick vom Papier weg auf ihre Gestalten fiel, traten sie schimmernder hervor. Dann kam sacht der Abend. Ich ging in den Garten und setzte mich nieder. Im Osten lag, lang und schmal, eine dunkle Wolkenbank in ganz reinem Himmel. An ihren beiden Enden erhob sich weiß Geballtes, und daran geschah ein freundliches Wunder. Sein Weiß wandelte sich in zartes, goldenes Rot. Das wurde immer leuchtender. Immer reichere Fülle schwellte die Gestalten. Das Rot wurde glühend und stand, wie Märchengebild undeutbar und doch zu verborgener | ||
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