Romano Guardini Online Konkordanz
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ihnen gemeinsam, und ich habe das so lange und so lebendig erfahren, daß ich glaube, davon sprechen zu dürfen, ohne in den Verdacht unziemlicher Selbsteinschätzung zu geraten. Fast alle meine Gedanken sind nämlich unter unseren Bäumen hier in Isola entstanden und gereift. Unter ihnen bin ich nachdenkend umhergegangen; habe dann den Ertrag an den Schreibtisch gebracht und niedergeschrieben, um darauf wieder hinauszugehen und weiter zu meditieren. Nehmen Sie diese Beziehung nicht als eine dekorative Zufälligkeit; hier besteht wirklich ein Zusammenhang. Der Baum mit seiner hohen Gestalt, mit der schönen Mannigfaltigkeit seiner Formen, seinem stillen Leben und seiner ruhigen Gegenwärtigkeit hängt in einer besonderen Weise – ich wüßte sie nicht zu analysieren – mit dem Geist des Menschen, seinem denkenden und fühlenden Leben zusammen.
In einem seiner lebendigsten Dialoge, jenem, der den Namen »Phaidros« trägt, hat Platon geschildert, wie Sokrates, sein Lehrer, zusammen mit dem jungen Phaidros in der Nähe von Athen, am Flusse Ilissos unter einer Platane sitzt und seine berühmte Rede über die Liebe des Geistes zu den hohen Dingen entfaltet. Der schöne Baum aber ist für den alten Philosophen nicht nur Spender erfreulichen Schattens, sondern seine stille Anwesenheit berührt ihm den Geist und weckt seine Gedanken, so daß er glaubt, aus dem Gezweig der Platane einen göttlichen Hauch zu spüren.
Ich sagte bereits, wie töricht es wäre, wenn ein Professor unserer Tage sich in die Nähe Platons stellen wollte. Aber auch Phaidros konnte in späteren Jahren, ohne den Vorwurf zu fürchten, er stelle sich neben den großen Meister, sagen, er habe einst am Ilissos diese geheimnisvolle Förderung des Geistes durch die stille Gegenwart der Platane erfahren.
Es ist wirklich so. Manche Einsichten erwachen, indem man in Büchern forscht, oder aus dem kulturellen oder sozialen Leben der Gegenwart die Materialien wissenschaftlicher Einsicht sammelt. Andere aber kommen aus der geistigen Kontemplation;

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