Romano Guardini Online Konkordanz
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Begriffen, wie dem des höchsten Wesens, sondern von einer spezifischen Erfahrung ausgeht.
Das geistige Leben des Menschen wird von verschiedenen Grunderfahrungen bestimmt. Diese sind theoretisch um so leichter zu erfassen, je mehr ihr Charakter sich dem Rationalen nähert. An der Spitze steht daher jene, die sich auf den Erkenntniswert als solchen, d.h. die Wahrheit richtet. Auf sie folgt die ethische, deren Gegenstand die sittliche Norm bzw. die von ihr ausgehende Bindung ist. Dann die ästhetische, welche die Gültigkeit von Form und Ausdruck auffaßt. An letzter Stelle scheint die religiöse zu stehen, daher sie denn auch am spätesten zum Gegenstand philosophischer Erforschung geworden ist. Lange Zeit hat man sie der intellektuellen Erkenntnis der Wahrheit oder dem sittlichen Erlebnis der Ehrfurcht oder dem Gefühl der Weltharmonie zugeordnet. Erst die Arbeiten von William James, Rudolf Otto, Max Scheler, Karl Kerényi, Mircea Eliade und anderen haben Recht und Anliegen einer eigentlichen und selbständigen Philosophie evident gemacht.
Hier soll von jener spezifischen Erfahrung die Rede sein, auf welcher eine solche Philosophie ruht.
Diese Absicht bringt allerdings auch eine Voraussetzung mit sich: daß der Vollzug einer solchen Erfahrung nicht beliebig vollzogen werden kann, sondern es dazu einer entsprechenden Veranlagung bedarf. Damit wird nichts Subjektivistisches, sondern eine Selbstverständlichkeit ausgesagt. Von einer ästhetischen Erfahrung und dem, was durch sie zur Gegebenheit gelangt, kann ich nur sprechen, wenn ich selbst ein echtes Verhältnis zum Kunstwerk habe – werde aber auch nur verstanden, wenn der, zu dem ich spreche, seinerseits durch den spezifischen Charakter des Kunstwerks berührt wird. So auch hier.
Soll ich eine sinnvolle Aussage über die religiöse Erfahrung machen können, dann müssen sowohl ich selbst wie der Hörende ein Sensorium für die religiösen Bezüge haben.
Der Gegenstand ist groß und erfordert subtile Analysen. So brauche ich wohl nicht besonders zu betonen, daß ein Vortrag

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