Romano Guardini Online Konkordanz
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8. Brief

Lieber Freund!
Mir liegt viel am heutigen Brief. Hoffentlich gelingt es mir, zu sagen, was ich meine.
Zwischen den beiden Armen des Comer Sees streckt sich eine schmale Landzunge hinaus. Auf ihrer vorgehöhten Spitze - sie ist von schönen Bäumen bedeckt, und wenn man auf dem Wasser herankommt, meint man ein altes Bild von Koch zu sehen - stand einst die Burg der Serbelloni, ein altes Raubnest, in den See hinausgerichtet. Nun ist's zerstört. Nach hinten hin gewendet, auf die rücklaufende Landzunge selbst, liegt noch die Villa Serbelloni, Jetzt ein Hotel, trotzdem noch von erlesenem Reiz. Die ganze Landzunge zeigt alte Kultur. Ich komme gerade von einem langen, schweigenden Gang zwischen den Hügeln von Bellagio und San Giovanni, die Seele ganz voll von der Kraft und dem Wohllaut, die hier zu Bauten geworden sind, zu Gärten, zu Mauern und Wegen. Und alles hat mich auf die Frage hingedrängt: Was ist doch das tiefste Wesen dieser - und der ganzen alten Kultur?
Mir schien, es sei dies: Daß sie vom lebendigen Menschen her geschaffen ist, und aus einem letzten Zusammenhang mit der Natur heraus. Ich will versuchen, ob ich deutlich machen kann, was ich meine. Es begreift alles Bisherige ein.
Mir scheint, was der Mensch schuf, und womit er sich umgab, und was er tat, seine Einrichtungen, seine Werke, das ganze Zeitmaß des Geschehens - alles war vom Wesen und vom Gesetz seines lebendigen Bestandes her bestimmt. Der Leib mit seinen Gliedern und Organen; die Seele mit ihren offenbaren und verborgenen Kräften, davon ist alles bestimmt. Der lebendige Mensch ist's, der aufnimmt, wirkt, zufaßt, schafft und besitzt. Der einzelne Mensch und die menschliche Gesellschaft:

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