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kommenden Probleme mit einer Schärfe zu sehen, welche der Antike versagt war. Ebenso aber auch dem Mittelalter, dessen gewaltige Jugendkraft sich nicht auf Reflexion, sondern auf Konstruktion richtete, während der Einzelne durch die großen Ordnungsgefüge des Denkens und Lebens getragen war. Erst bei den Denkern der beginnenden Neuzeit – etwa in den Theorien der Renaissance über das Glück in den Betrachtungen eines Michel Montaigne über die Seltsamkeiten des Daseins und in den ebenso heftigen wie klaren Problemstellungen Pascals – dringen jene Fragen durch, um von da ab nicht mehr zu verstummen. Diese beunruhigende und zugleich hellsichtig machende, gefährdende und anspornende Weise, das eigene Dasein zu erleben und nach dessen Wesen zu forschen, zeigt sich besonders deutlich in den ersten fünf Kapiteln jenes Buches, worin Augustinus über seinen Weg zum Glauben berichtet, den „Confessiones“. Die Fragen, welche darin gestellt werden; die Art, wie sich dabei das Denken bewegt; die Weise, wie der Denkende die eigene Wirklichkeit im Verhältnis zur Welt und beide im Verhältnis zur Wirklichkeit Gottes empfindet, machen jene Kapitel zu einer der reinsten Ausbruchsstellen des neuzeitlichen Existenzerlebnisses – um so wertvoller, als das augustinische Denken darin noch kaum zu eigentlich theoretischen und noch gar nicht zu systematischen Aussagen vordringt, sondern in einem vorwissenschaftlichen, dafür aber um so lebendigeren Zustande bleibt. Die „Bekenntnisse“, in denen Augustinus um das Jahr 400 vor Gott Rechenschaft über sich und seinen Lebensweg gibt, gehören zur kleinen Zahl jener Bücher, die unzerstörbare Lebenskraft in sich tragen. Eine strenge literarische Prüfung wird kaum feststellen können, es sei gut geschrieben. Augustins glühender Geist hatte stets mehr zu sagen, als sein bedrängtes Leben ihm Muße gab, so gewinnen seine Schriften nur selten das Gleichgewicht wirklicher Durchformung. Einzelne Teile machen sich selbständig und sprengen die Gestalt des Ganzen; Themen werden | ||
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