Romano Guardini Online Konkordanz
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Der Sinn der Frage wird deutlicher, wenn man sie durch die andere hinterbaut, wie die Antike das Jenseits empfunden habe. Diese ist nicht äußerlich hinzugeholt, denn die Antike hatte für das Mittelalter überhaupt und für Dante insbesondere eine ungeheure Bedeutung. Eine andere als für die Renaissance. Für diese war die Antike ein revolutionäres Prinzip: Rechtfertigung ihres Lebensgefühls und Mittel, um das alte Weltbild zu stürzen. Dante hingegen sah in ihr etwas in ähnlicher Weise Gegebenes und Sinnvolles wie in der Natur, eine Art Natur zweiten Grades. Das Beunruhigende der antiken Gestalten wurde ihm wohl kaum bewußt, vielmehr baute er sie mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie die Bäume und Tiere der Umgebung oder die Menschen seiner Zeit in seinen Kosmos ein.
Nun läge es nahe, zum Vergleich jenen Autor heranzuziehen, den Dante als »den Dichter« schlechthin angesehen hat, nämlich Vergil. Dieser berichtet im bereits genannten sechsten Buche, wie Aeneas, von der Sibylle gewiesen, zur Unterwelt hinabsteigt, um vom Schatten seines Vaters Anchises den Gang seiner Geschicke zu erfahren. Worauf es uns ankommt, wird aber deutlicher, wenn wir uns an eine frühere Form der antiken Anschauung halten, nämlich an jene der Odyssee. In deren elftem Gesang erzählt Odysseus, wie er die Unterwelt aufsucht, um dort vom Seher Teiresias zu hören, ob ihm endlich die Heimkehr beschieden sei. Er segelt über den Okeanos und gelangt ans andere Ufer. Das ist ein Nirgendwo-Land, denn der Okeanos bildet die Grenze der Erde, so daß er für den Menschen eigentlich kein »anderes Ufer« hat. Das Hinübergelangen ist also ein »Überschritt« ins Unbetretbare. Odysseus legt an und steigt »hinab zum modrigen Hause des Hades« (10,512). Er gräbt mit seinem Schwert eine Grube, gießt Trankspenden rings um sie her, ruft die Toten und gelobt, ihnen nach seiner Rückkehr in die Heimat reiche Opfer darbringen zu wollen. Dann schlachtet er ein schwarzes Schaf und einen ebensolchen Widder. Das Blut der Tiere fließt in die Grube,

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